»Du hattest keine Ausdauer,« sagte, gleichsam vor sich hin, Leschnew.

»Wie du sagst, ich hatte keine Ausdauer! … Etwas erbauen, das habe ich nie gekonnt! Und es ist auch nicht leicht, Bruder, etwas zu bauen, wenn man keinen Boden unter sich fühlt, wenn man sein eigenes Fundament erst selbst legen muß! Ich will dir nicht alle meine Abenteuer, das heißt, all mein Mißgeschick, erzählen. Zwei, drei Vorfälle sollst du erfahren … jene Vorfälle aus meinem Leben, wo, wie es schien, der Erfolg mir bereits lächelte, oder nein, wo ich anfing, auf Erfolg zu hoffen – was nicht ganz dasselbe ist …«

Rudin warf sein graues und schon lichter gewordenes Haar mit derselben Handbewegung zurück, wie er früher zu tun gewohnt war, als er noch dunkles und volles Haar hatte.

»Höre also,« begann er. »In Moskau kam ich mit einem ziemlich sonderbaren Menschen zusammen. Er war sehr reich und besaß beträchtliche Ländereien; er stand nicht in Staatsdiensten, seine Hauptleidenschaft, seine einzige Leidenschaft war die Liebe zur Wissenschaft, zur Wissenschaft im allgemeinen. Ich kann es bis jetzt nicht begreifen, wie diese Leidenschaft bei ihm erwacht war! Sie stand ihm ebenso, wie der Kuh der Sattel. Er selbst konnte sich nur mit Mühe auf der Höhe der Vernunft behaupten und verstand es kaum, sich auszudrücken; er rollte bloß bedeutungsvoll die Augen und schüttelte bedenklich den Kopf. Eine wenig begabte und geistig ärmere Natur, Bruder, ist mir nicht vorgekommen … Er erinnerte an jene weiten Strecken im Smolenskischen Gouvernement, wo man nur Sand findet – Sand, und weiter nichts, nur hie und da spärliches Gras, das kein Tier fressen mag. Es wollte ihm nichts gelingen – alles glitt förmlich aus seinen Händen, alles, und obendrein war er noch darauf versessen, was leicht war, sich zu erschweren. Hätte es von ihm abgehangen, er würde einen wahrhaftig noch dazu gebracht haben, auf dem Kopfe zu gehen. Er arbeitete, schrieb und las unermüdlich. Mit einer gewissen starrsinnigen Beharrlichkeit und grenzenlosen Geduld stürzte er sich auf die Wissenschaften; sein Ehrgeiz war unbeschreiblich groß und sein Charakter war eisern. Er lebte allein und galt für einen Sonderling. Ich wurde mit ihm bekannt und … gefiel ihm. Ich muß gestehen, ich hatte ihn bald durchschaut, doch sein Eifer rührte mich. Dann besaß er ein so schönes Vermögen, es ließ sich durch ihn so viel Gutes, so viel wahrhafter Nutzen stiften … Ich blieb bei ihm wohnen und fuhr endlich mit ihm auf sein Landgut. – Großartige Pläne, Bruder, trug ich mit mir herum; ich träumte von vielen Verbesserungen, Neuerungen …«

»So wie bei der Laßunski, erinnerst du dich,« bemerkte Leschnew mit gutmütigem Lächeln.

»Nicht doch! Dort war ich mit meinem Innersten überzeugt, daß meine Worte unfruchtbar bleiben würden; hier, hier jedoch … breitete sich vor mir ein Feld ganz anderer Art aus … Ich schleppte agronomische Bücher herbei … von denen ich, die Wahrheit zu sagen, nicht ein einziges bis zu Ende gelesen habe … und dann machte ich mich an die Arbeit. Anfangs ging es nicht, wie ich erwartet hatte, nachher aber schien es gehen zu wollen. Mein neuer Freund schwieg zu allem und schaute zu, er störte mich nicht, das heißt, bis zu einem gewissen Grade störte er mich nicht; er nahm zwar meine Vorschläge an, führte dieselben auch aus, aber starrsinnig, unnachgiebig und mit heimlichem Mißtrauen lenkte er alles nach seinem Sinn. Er hielt mit Zähigkeit fest an jedem seiner Gedanken, wie der Sonnenkäfer an dem Grashalm, dessen Spitze er nur mit Anstrengung erklommen hat und nun dasitzt, scheinbar seine Flügel zurechtzupfend, um weiterzufliegen – plötzlich aber herunterfällt, um nochmals hinaufzukriechen … Du mußt dich nicht über diese Gleichnisse wundern. Schon damals hatten sie sich in meinem Innern angehäuft. Zwei Jahre schlug ich mich so herum. Die Geschäfte gingen schlecht, ungeachtet aller meiner Anstrengungen. Ich fing an, ihrer überdrüssig zu werden, mein Freund langweilte mich, und ich wurde ihm unbequem und erdrückend; sein Mißtrauen ging in schlecht verhehlte Erbitterung über, ein feindseliger Geist hatte sich unser beider bemächtigt, wir konnten miteinander von nichts mehr sprechen; verstohlen, aber unaufhörlich bemühte er sich, mir zu zeigen, daß er sich nicht meinem Einflusse fügte; meine Verordnungen wurden entweder verdreht oder ganz widerrufen … Ich wurde zuletzt inne, daß ich dem Herrn Gutsbesitzer nur als Mittel zur geistigen Gymnastik diente … Ich war zu einer Art intelligenten Parasiten geworden! Schmerzlich ward es mir, Zeit und Kräfte nutzlos zu vergeuden, schmerzlich empfand ich es, daß ich aber- und abermals mich in meinen Erwartungen getäuscht hatte. Ich wußte sehr wohl, wieviel ich verlor, wenn ich fortging; vermochte es aber doch nicht über mich, und eines Tages, infolge eines widerlichen und empörenden Vorfalles, dessen ich Zeuge war und der mir meinen Freund in einem wirklich zu unvorteilhaften Lichte zeigte, veruneinigte ich mich vollends mit ihm, reiste ab und ließ diesen aus Steppenmehl mit Zutat deutschen Syrups zusammengekneteten pedantischen Krautjunker fahren.«

»Das heißt: du hast dein Stück täglichen Brotes fahren lassen,« wandte Leschnew ein und legte beide Hände auf Rudins Schulter.

»Ja, und stand wieder nackt und leicht da im leeren Raume. Fliege nun, wohin du willst … Ha, trinken wir eins!«

»Auf deine Gesundheit!« sagte Leschnew, erhob sich und küßte Rudin auf die Stirn. »Auf deine Gesundheit und auf Pokorskis Andenken … Er hat es auch verstanden, arm zu bleiben.«

»Das war Nummer eins meiner Abenteuer,« sagte Rudin nach einer kleinen Pause. »Soll ich fortfahren, wie?«