Rudins Züge hatten sich noch immer nicht viel verändert, besonders seit der Zeit, da wir ihn auf der Station trafen, obgleich bereits Spuren des nahenden Alters darin sichtbar waren, der Ausdruck war jetzt aber ein anderer. Die Augen blickten anders; aus seinem ganzen Wesen, aus seinen bald langsamen, bald abgerissenen Bewegungen, aus seiner schleppenden und gleichsam gebrochenen Rede sprach äußerste Ermattung, geheimer und stiller Gram, der jener halbaffektierten Schwermut von früher durchaus nicht ähnlich war, jener Schwermut, die einer von Hoffnungen und vertrauungsvoller Selbstliebe erfüllten Jugend so gut zu Gesichte steht.
»Ich soll Ihnen alles erzählen, was mir begegnet ist?« begann er. »Alles läßt sich nicht erzählen und lohnt sich auch nicht … Abgeplackt habe ich mich tüchtig und mich umhergetrieben, nicht mit dem Körper allein – auch mit der Seele. Welche Enttäuschungen habe ich erfahren! Mein Gott! Mit wem bin ich alles zusammengekommen! … Ja, mit wem,« wiederholte Rudin, als er gewahr wurde, daß Leschnew ihn mit besonderer Teilnahme anblickte. »Wie oft haben meine eigenen Worte mich angewidert – nicht bloß in meinem eigenen Munde, sondern auch in dem Munde jener Leute, die meine Ansichten teilten! Welche Übergänge habe ich durchgemacht, von der Ungeduld, von der Reizbarkeit eines Kindes bis zur stumpfen Gefühllosigkeit des Pferdes, das nicht einmal mehr mit dem Schweife zuckt, wenn die Peitsche es trifft … Wie viele Male habe ich mich umsonst gefreut, umsonst gehofft, gekämpft und mich erniedrigt! Wie oft habe ich wie ein Falke meine Fittiche ausgebreitet – und bin auf die Erde zurückgestürzt, um auf ihr fortzukriechen, wie die Schnecke, deren Schale man zertreten hat! … Wo bin ich nicht überall gewesen; welche Wege hat mein Fuß nicht betreten! Und es gibt schmutzige Wege,« setzte Rudin hinzu und wandte sich etwas ab.
»Sie verstehen,« fuhr er fort …
»Hören Sie,« unterbrach ihn Leschnew, »einst sagten wir ›du‹ zueinander … Willst du? Wir frischen das alte auf … Trinken wir auf das Du!«
Rudin erbebte, erhob sich und in seinem Blick flimmerte etwas, was keine Sprache wiederzugeben vermag.
»Laß uns trinken, Bruder – Dank, Bruder, laß uns trinken.«
Leschnew und Rudin leerten jeder sein Glas.
»Du weißt,« begann Rudin wieder, mit Betonung des Wortes »du« und lächelnd, »es sitzt in meinem Inneren ein Wurm, der an mir nagt und mir nimmer Ruhe gönnen wird. Er stößt mich den Menschen entgegen – anfangs empfinden sie meinen Einfluß, nachher aber …«
Rudin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand.
»Seit ich Sie … dich zum letzten Male sah, bin ich um mancherlei Erfahrungen reicher geworden … Mehrmals habe ich ein neues Leben angefangen, mehrfach die Hand an ein neues Werk gelegt – und da siehst du nun, wie weit ich gekommen bin!«