Darja Michailowna Laßunskis Haus galt fast für das erste im ganzen Gouvernement. Massiv, steinern, nach Entwürfen Rastrellis im Geschmacke des vergangenen Jahrhunderts erbaut, erhob es sich großartig auf dem Gipfel eines Hügels, an dessen Fuße einer der bedeutendsten Ströme des mittleren Rußlands vorüberfloß. Darja Michailowna selbst war eine angenehme und reiche Edelfrau, eines Geheimrats Witwe. Wenn auch Pandalewski von ihr zu sagen pflegte, sie kenne ganz Europa und Europa kenne sie, – so kannte sie doch Europa wenig und spielte selbst in Petersburg keine bedeutende Rolle; in Moskau dagegen kannten sie alle und statteten ihr Besuche ab. Sie gehörte der großen Welt an, und wurde für eine etwas sonderbare, nicht sehr gute, aber außerordentlich kluge Frau gehalten. In ihrer Jugend war sie sehr schön gewesen. Poeten hatten ihr Gedichte gewidmet, junge Leute sich in sie verliebt, hohe Herren ihr den Hof gemacht. Doch seit jener Zeit waren fünfundzwanzig bis dreißig Jahre verstrichen, und von den früheren Reizen war keine Spur zurückgeblieben. »Ist es möglich,« fragte sich jeder, der sie zum ersten Male sah, »ist es möglich, daß diese hagere, gelbliche, spitznasige und noch nicht betagte Frau einst eine Schönheit gewesen wäre? Ist sie es wirklich, sie selbst, welche ehedem von den Dichtern besungen wurde?« Und jedermann staunte innerlich über den Wechsel alles Irdischen. Es ist wahr, Pandalewski fand, daß Darja Michailownas Augen in wunderbarer Weise ihren alten Zauber behalten hatten; eben dieser Pandalewski aber behauptete ja auch, daß ganz Europa sie kenne.

Darja Michailowna kam jeden Sommer auf ihr Landgut mit ihren Kindern (sie hatte deren drei: eine Tochter Natalia, siebzehn Jahre, und zwei Söhne, zehn und neun Jahre alt), sie hielt offenes Haus, das heißt, sie empfing bei sich Männer; besonders unverheiratete Edeldamen aus der Provinz konnte sie nicht ausstehen. Dafür ließen ihr diese Damen aber auch kein gutes Haar! Darja Michailowna war, nach deren Aussagen, stolz, sittenverderbt, eine furchtbare Tyrannin, und was die Hauptsache wäre, – sie erlaube sich solche Freiheiten in der Unterhaltung, daß es ein Greuel sei! Darja Michailowna liebte es in der Tat nicht, sich auf dem Lande Zwang aufzulegen, und in der freien Einfachheit ihres Umganges blickte etwas von der Verachtung einer großstädtischen Weltdame für die sie umgebenden, meistens unbedeutenden Persönlichkeiten hindurch … Selbst mit ihren städtischen Bekannten ging sie ziemlich ungeniert, ja spöttisch um; doch fehlte dabei die Schattierung von Verachtung.

Hast du, lieber Leser, jemals bemerkt, daß Leute, die im Kreise ihrer Untergebenen ungewöhnlich zerstreut zu sein pflegen, es niemals im Umgange mit höher gestellten Personen sind? Woher mag das kommen? Doch – wozu dergleichen Fragen!

Nachdem Constantin Diomiditsch endlich die Thalbergsche Etüde einstudiert hatte, begab er sich aus seinem netten und freundlichen Stübchen hinaus ins Empfangszimmer und fand dort die ganze Gesellschaft des Hauses bereits versammelt. Der Salon war schon geöffnet. Auf einer breiten Couchette lag mit untergeschlagenen Beinen und eine neue französische Broschüre in der Hand, die Frau vom Hause; am Fenster vor dem Stickrahmen saßen, von einer Seite die Tochter Darja Michailownas, von der anderen Mlle. Boncourt, die Gouvernante, eine alte, vertrocknete Jungfer von sechzig Jahren mit einer schwarzen Haartour unter der farbigen Haube und Baumwolle in den Ohren; in der Ecke bei der Tür hatte Bassistow seinen Sitz genommen und las die Zeitung, während neben ihm Petja und Wanja auf dem Damenbrette spielten; an den Ofen gelehnt, die Hände auf dem Rücken, stand ein Herr von mittlerem Wuchse, mit unordentlichem, grauem Haar, von dunkler Gesichtsfarbe und kleinen, unruhigen, schwarzen Augen – Afrikan Semenitsch Pigassow mit Namen.

Ein sonderbarer Mensch war dieser Herr Pigassow. Auf alles und alle erbittert – vorzüglich auf das weibliche Geschlecht, schalt er vom Morgen bis zum Abend, zuweilen sehr treffend, zuweilen ziemlich flach, immer jedoch mit Selbstbefriedigung. Er war reizbar wie ein Kind; sein Lachen, der Ton seiner Stimme, sein ganzes Wesen schien von Galle getränkt. Darja Michailowna sah ihn gern bei sich: er ergötzte sie mit seinen Ausfällen. Und in der Tat waren sie sehr erheiternd. Es war seine Lust, alles zu übertreiben. Erzählte man zum Beispiel in seiner Gegenwart von einem Unfalle – war’s nun, daß der Blitz ein Dorf in Brand gesteckt, oder daß Wasser einen Mühldamm durchbrochen, oder daß ein Bauer sich mit der Axt die Hand abgehauen hatte – jedesmal fragte er mit gesteigerter Erbitterung: »Wie heißt sie?« nämlich wie das Weib heiße, das an dem Unglück schuld sei, – denn seiner Behauptung nach brauchte man nur tiefer auf den Grund zu gehen, um zu finden, daß jegliches Unglück durch ein Weib herbeigeführt werde. Einst warf er sich auf die Knie vor einer ihm fast unbekannten Frau, die in ihn drang, etwas zu kosten, und beschwor sie unter Tränen, aber mit sichtbarem Grimm in den verzerrten Zügen, sie wolle seiner schonen, er hätte nichts gegen sie verschuldet und werde sie künftig nie mehr besuchen. Ein anderes Mal ging ein Pferd mit einer der Waschfrauen Darja Michailownas einen Berg hinunter durch, warf in einem Graben um und hätte die Frau beinahe getötet. Pigassow nannte später das Pferd nie anders als das wackere, wackere Rößchen, und der Berg selbst, wie auch der Graben, däuchten ihm überaus malerische Plätze. Pigassow hatte kein Glück im Leben gehabt – daher in der Hauptsache sein wunderliches Gebaren. Er war armer Eltern Kind; die Beschäftigung seines Vaters war eine ziemlich untergeordnete gewesen, er hatte kaum lesen und schreiben gelernt und nicht an die Erziehung seines Sohnes gedacht; er hatte ihm Nahrung und Kleidung gegeben – das war alles! Von der Mutter wurde er verhätschelt, sie starb aber früh. Pigassow verdankte seine Bildung sich selbst; zuerst besuchte er die Kreisschule, dann das Gymnasium, erlernte die französische, deutsche, ja sogar die lateinische Sprache, und nachdem er mit einem vorzüglichen Zeugnisse das Gymnasium absolviert hatte, begab er sich nach Dorpat, wo er unter fortwährendem Kampfe mit der Not, dennoch nach drei Jahren richtig sein Triennium beendigte. Pigassows Fähigkeiten waren keineswegs außergewöhnlicher Art; er zeichnete sich durch Geduld und Beharrlichkeit aus, besonders stark war jedoch in ihm der Ehrgeiz, das Verlangen nach guter Gesellschaft und die Sucht, anderen nicht nachzustehen, dem Schicksal zum Trotz. Er lernte fleißig und hatte die Dorpatsche Universität aus Ehrgeiz bezogen. Die Armut stachelte ihn auf und entwickelte in ihm Beobachtungsgeist und Verschlagenheit. Er hatte eine eigentümliche Art sich auszudrücken; von Jugend auf hatte er sich eine besondere Art erbitterter und gereizter Beredsamkeit zu eigen gemacht. Seine Gedanken überstiegen nicht das gewöhnliche Niveau; doch war seine Rede der Art, daß er nicht bloß für einen klugen, sondern sogar für einen geistreichen Menschen gelten konnte. Nachdem er den Kandidatengrad erhalten hatte, beschloß er, sich dem Gelehrtenstande zu widmen, denn es war ihm klar, daß er in jeder anderen Laufbahn hinter seinen Gefährten zurückbleiben würde; er war bemüht, sich dieselben aus den höheren Ständen zu wählen und verstand es, sich ihnen gefällig zu zeigen, ja, er schmeichelte ihnen sogar, wenn auch immer mit Schelten. Doch da gebrach es ihm, um es einfach zu sagen, am nötigen Stoff. Als Autodidakt ohne Liebe zur Wissenschaft, wußte Pigassow im Grunde zu wenig. Er fiel bei der Disputation schmählich durch, während ein anderer Student, sein Stubengefährte, über den er sich beständig lustig gemacht hatte, ein beschränkter Kopf, der jedoch eine regelmäßige und gründliche Bildung genossen hatte, vollständigen Triumph über ihn davontrug. Dieser Unfall erbitterte Pigassow aufs äußerste: er warf alle seine Bücher und Hefte ins Feuer und trat in den Staatsdienst. Anfangs ging es nicht schlecht damit: als Beamter war er zu allem gut, zwar nicht sehr expeditiv, dagegen aber über die Maßen selbstvertrauend und großsprecherisch; er wollte nur zu rasch emporkommen – verwickelte sich, strauchelte und war gezwungen, seinen Abschied zu nehmen. Drei Jahre lang blieb er auf seinem wohlerworbenen Gütchen sitzen und heiratete unvermutet eine reiche, wenig gebildete Gutsbesitzerin, die er an dem Köder seiner freien und spöttischen Manieren gefangen hatte; sein Charakter aber wurde immer verbissener und das Familienleben drückte ihn … Nachdem seine Frau einige Jahre mit ihm gelebt hatte, fuhr sie heimlich nach Moskau und verkaufte einem gewandten Abenteurer ihr Gut, in welchem Pigassow eben erst ein Wirtschaftsgebäude hatte erbauen lassen. Durch diesen letzten Schlag bis ins Innerste erschüttert, fing er einen Prozeß gegen seine Frau an, den er jedoch verlor … So lebte er nun seine Tage allein, besuchte seine Nachbarn, die er selbst in deren Gegenwart aufzog und die ihn mit einem gewissen gezwungenen und verbissenen Lachen empfingen, doch flößte er ihnen keine besondere Furcht ein, – ein Buch nahm er nie in die Hand. Er besaß nahezu hundert Seelen; seine Bauern litten nicht Not.


»Ah! Constantin!« sagte Darja Michailowna, als Pandalewski ins Gastzimmer trat. »Kommt Alexandrine?«

»Alexandra Pawlowna lassen sich empfehlen und werden sich ein besonderes Vergnügen daraus machen,« erwiderte Constantin Diomiditsch, sich nach allen Seiten hin anmutig verbeugend, und mit dem dicken, aber weißen Händchen, dessen Fingernägel dreieckig zugestutzt waren, sich das vorzüglich geordnete Haar leichthin streichelnd.

»Und Wolinzow kommt auch?«

»Wird auch kommen.«