Die Freunde umarmten einander. Rudin entfernte sich rasch.

Leschnew ging lange im Zimmer auf und ab, hielt beim Fenster still und sagte halblaut: »Armer Mensch!«, dann setzte er sich an den Tisch und fing einen Brief an seine Frau an.

Draußen erhob sich der Wind und schlug mit unheilverkündendem Heulen schwer und wie erbost an die klirrenden Scheiben. Eine lange Herbstnacht war hereingebrochen. Wohl dem, der in solchen Nächten ein Dach über sich weiß, einen warmen Winkel sein eigen nennt. Und möge Gott alle obdachlosen Waller in Gnaden bewahren!


In der heißen Mittagsstunde des 26. Juni 1848, in Paris, als der Aufstand der »Arbeitervereine« fast unterdrückt war, stürmte ein Bataillon Linientruppen in einer der engen Quergassen der Vorstadt St. Antoine eine Barrikade. Einige Kanonenschüsse hatten sie bereits in Schutt gelegt; die am Leben gebliebenen Verteidiger derselben zogen sich zurück und waren nur noch auf ihre eigene Rettung bedacht, als plötzlich auf dem höchsten Punkte der Barrikade, auf dem eingeschlagenen Kasten eines umgestürzten Omnibuswagens, ein hochgewachsener Mann sichtbar wurde in einem alten Rock, mit einer roten Schärpe umgürtet, mit einem Strohhute auf dem weißen, unordentlichen Haare. In der einen Hand hielt er eine rote Fahne, in der anderen einen krummen, stumpfen Säbel und schrie mit angestrengter, scharfer Stimme, indem er bemüht war, höher hinaufzuklimmen und mit Fahne und Säbel Zeichen zu machen. – Ein Vincennes-Jäger legte auf ihn an – ein Schuß fiel … dem hochgewachsenen Mann entglitt die Fahne – und wie ein Sack stürzte er vornüber auf sein Gesicht, als wäre er jemandem zu Füßen gefallen … Die Kugel war ihm gerade durchs Herz gegangen.

»Tiens!« sagte einer der fliehenden insurgés zu einem anderen, »on vient de tuer le Polonais!«

»Bigre!« antwortete der andere, »sauvons-nous!« und beide warfen sich in das Kellergeschoß eines Hauses, an welchem die Laden alle verschlossen waren und dessen Wände überall Spuren von Kugeln und Kartätschen zeigten.

Dieser »Polonais« war Dmitri Rudin.

Fußnoten:

[1] Kleinrußland, weil dort das Landvolk und die untersten Klassen der Bevölkerung den Kopf rund herum rasiert tragen und nur auf dem Scheitel einen Schopf wachsen lassen.