»Unsere Wege gingen auseinander,« fuhr Leschnew fort, »vielleicht eben darum, daß mich, mit meinem Vermögen, mit meinem kalten Blute und unter anderen, glücklicheren Verhältnissen, nichts daran hinderte, ruhig sitzenzubleiben und, die Hände im Schoße, den Zuschauer zu machen, während du auf das Feld hinaus mußtest, um mit aufgestreiften Ärmeln dich zu plagen und abzuarbeiten. Unsere Wege gingen auseinander … siehe aber, wie nahe wir einander sind. Reden wir ja beide fast dieselbe Sprache, auf einen halben Wink verstehen wir einander, an denselben Gefühlen sind wir herangewachsen. Von den Unserigen sind ja wenige nur noch übrig, Bruder; beide sind wir die letzten Mohikaner! In früheren Jahren, als wir noch das volle Leben vor uns hatten, konnten wir verschiedener Meinung sein, ja sogar feindlich einander gegenüberstehen; jetzt aber, da das Häufchen um uns lichter wird, da neue Geschlechter an uns vorüberziehen, die anderen Zielen, als die unserigen es waren, entgegeneilen, müssen wir zusammenhalten. Stoßen wir an, Bruder, und laß uns nach alter Art singen: Gaudeamus igitur!«
Die Freunde stießen mit den Gläsern an und sangen in gerührtem und falschem, d. h. echt russischem Tone das alte Studentenlied.
»Du fährst jetzt auf dein Landgut,« nahm Leschnew wieder das Wort. »Ich glaube nicht, daß du dort lange bleiben wirst, und kann mir nicht vorstellen, wie, wo und auf welche Weise es mit dir enden wird. Vergiß aber nicht, daß, was sich mit dir auch ereignen möge, du immer einen Platz, ein Nest hast, wo du dein Haupt niederlegen kannst: mein Dach … hörst du, altes Haus? Die Gedankenarbeit hat auch ihre Invaliden und diese bedürfen eines Asyls.«
Rudin erhob sich.
»Danke dir, Bruder,« sagte er. »Habe Dank! Ich werde es dir eingedenk sein. Doch eines Asyls bin ich nicht wert. Verdorben ist mein Leben, und ich habe dem Ideal nicht gedient, wie sich’s gebührt.«
»Schweig!« unterbrach ihn Leschnew. »Ein jeder bleibt, wozu die Natur ihn gemacht hat, und mehr läßt sich von ihm nicht fordern! Nanntest du es nicht den ewigen Juden? … Wie kannst du es aber wissen, vielleicht bist du dazu bestimmt, ewig umherzuwandern, vielleicht erfüllst du dadurch ein höheres, dir selbst unbewußtes Verhängnis: nicht umsonst heißt es im Munde der Volksweisheit, daß wir alle unter Gott stehen. Ein Samenausstreuer bist du vielleicht! – Gehe also hin, wohin seine Hand dich leitet,« fuhr Leschnew fort, als er bemerkte, daß Rudin seine Mütze nehmen wollte. »Doch bleibst du nicht für die Nacht?«
»Ich will fort! Lebe wohl. Habe Dank … Mit mir endet es nicht gut.«
»Das steht bei Gott … Du fährst also bestimmt?«
»Ja. Lebe wohl. Behalte mich nicht in bösem Andenken.«
»Lebe wohl! Gedenke auch meiner nicht im Bösen, und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe. Lebe wohl …«