»Etwas ist davon übriggeblieben. Zweiundeinehalbe Seele. Ein Winkel für mich, wo ich den Tod erwarten kann. Du denkst vielleicht in diesem Augenblicke: ›Auch dies vermochte er nicht ohne Phrase zu sagen.‹ Die Phrasen, es ist wahr, sie haben mein Unglück verschuldet, mich aufgerieben, bis zum Ende habe ich sie nicht loswerden können. Was ich aber soeben sagte, war keine Phrase. Dies weiße Haar, Bruder, ist keine Phrase, diese Runzeln, diese durchgescheuerten Ellenbogen – sind keine Phrase. Du bist immer streng gegen mich gewesen und das war recht von dir; doch nicht von Strenge kann mehr die Rede sein, wenn schon alles abgetan, in der Lampe kein Öl mehr und die Lampe auch bereits zerschlagen ist und der Docht im nächsten Augenblicke zu verglimmen droht … Der Tod, Bruder, muß am Ende alles aussühnen …«

Leschnew sprang auf.

»Rudin!« rief er aus, »warum sagst du mir das? Wodurch habe ich das von dir verdient? Wer hat mich zum Richter bestellt, und was für ein Mensch würde ich sein, wenn mir, beim Anblicke deiner eingefallenen Wangen und Runzeln, das Wort Phrase in den Sinn kommen könnte? Du willst wissen, was ich von dir denke? Wohlan! Ich denke: dieser Mensch … was hätte der wohl mit seinen Fähigkeiten erringen können, über welche irdischen Güter würde er wohl jetzt gebieten, wenn er gewollt hätte! … und ich finde ihn hungernd und ohne Obdach …«

»Ich errege dein Mitleid,« brachte Rudin kaum hörbar hervor.

»Nein! Du irrst. Achtung flößest du mir ein – das ist es. Was hinderte dich, lange Jahre bei jenem Gutsbesitzer, deinem Bekannten, zu verbringen? Ich bin fest überzeugt, wenn du ihm nur zu Gefallen hättest leben wollen, dein Auskommen wäre gesichert! Weshalb hast du es im Gymnasium nicht ausgehalten, weshalb – sonderbarer Mensch! – was auch dein jedesmaliges Sinnen im Anfang gewesen sein mag, mußte dein Unternehmen allemal und durchaus damit enden, daß du deinen eigenen Vorteil zum Opfer brachtest, keine Wurzel schlagen wolltest in schlechtem Boden, wie fett er auch sein mochte!«

»Ich bin als Spielball auf die Welt gekommen,« fuhr Rudin mit wehmütig-verächtlichem Lächeln fort. »Ich kann nicht stille stehen.«

»Das ist wahr; du kannst aber nicht stille stehen, nicht weil ein Wurm in dir steckt, wie du vorhin sagtest … Kein Wurm steckt in dir, kein Geist müßiger Unruhe: Liebe zur Wahrheit durchglüht dich, und wie man sieht, glüht sie ungeachtet aller Misere in dir selbst lebhafter als in vielen anderen, die sich nicht einmal für Egoisten erklärten und dich vielleicht gar einen Intriganten nennen. Ich an deiner Stelle hätte wahrlich schon längst jenen Wurm zum Schweigen gebracht und Frieden mit allem geschlossen; du aber bist nicht einmal bitterer geworden, und ich bin überzeugt, du wärst heute noch, in diesem Augenblicke, bereit, von neuem wie ein Jüngling ans Werk zu gehen.«

»Nein, Bruder, ich bin jetzt ermattet,« erwiderte Rudin. »Es war für mich genug.«

»Ermattet! Ein anderer wäre längst gestorben. Du sagst, der Tod sei ein Sühneopfer; glaubst du denn, das Leben sei es nicht? Wer gelebt hat und gegen andere nicht nachsichtig geworden ist, der verdient selbst keine Nachsicht. Wer aber wollte behaupten, daß er keiner Nachsicht bedürfe? Du hast gewirkt, wie du gekonnt hast, nach Kräften hast du gekämpft … Was verlangst du mehr? Unsere Wege gingen auseinander …«

»Du, Bruder, bist ein ganz anderer Mensch als ich,« unterbrach ihn Rudin mit einem Seufzer.