»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow, »Sie glauben wohl, mich mit diesem Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben sie sehr nötig, diese angepriesene Bildung! Nicht einen kupfernen Groschen möchte ich für diese Ihre Bildung hingeben!«
»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan Semenitsch!« bemerkte Darja Michailowna, im Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und weltmännische Artigkeit ihres neuen Gastes. C’est un homme comme il faut, dachte sie, Rudins Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in Gedanken russisch.
»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin nach einigem Schweigen fort, »die Bildung zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder hat seinen eigenen Geschmack. Es würde uns übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir nur, Sie an einen alten Spruch zu erinnern: ›Jupiter, du wirst böse, folglich hast du unrecht!‹ Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso zu bedauern sind, weil mit den Systemen zugleich die Menschen das Wissen überhaupt, die Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen, folglich auch den Glauben an sich selbst, an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein können sie nicht leben, es wäre sündhaft, wenn sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat sich von jeher durch Unfruchtbarkeit und Ohnmacht ausgezeichnet …«
»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow.
»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß mit dem Ausrufe ›Das sind nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben, etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.«
»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen zusammen.
»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen wollte,« erwiderte Rudin mit unwillkürlicher, doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole es, wenn der Mensch keinen festen Grund hat, an den er glaubt, keinen Boden, auf dem er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft geben von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der Zukunft seines Volkes? Wie kann er wissen, was er selbst zu tun hat, wenn …«
»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow hervor, verbeugte sich und trat auf die Seite, ohne jemand anzublicken.
Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte.
»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann Darja Michailowna. »Seien Sie unbesorgt, Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit freundlichem Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr Vater?«