Auf einem hohen Baume ließ sich endlich der Drache nieder und verwickelte sich mit der Schnur in dem Wipfel. Karl entledigte sich sogleich seines Rockes und schickte sich an, den Baum zu ersteigen. Zwar wollten ihm einige Andere zuvorkommen, allein er als Eigenthümer des Drachen bestand darauf, daß es nur ihm zustehe, den Baum zu ersteigen. Mit vieler Fertigkeit kletterte er den Stamm empor, kam dann von Ast zu Ast immer höher, bis er den Wipfel erreichte, und so dem Drachen nahe war. Da rief er: »seht! seht! ein Vogelnest!« Die unten Stehenden vergaßen über dem Neste den Drachen und äusserten einstimmig den Wunsch, zu ersehen, was sich in dem Neste befinde.
Allein Karl griff zuerst nach dem Drachen, schnitt ihn von der Schnur, mit welcher er sich im Laubwerke verwickelt hatte, ab und stieß ihn über den Wipfel hinaus und glücklich langte der Drache unten an und wurde mit Jubel empfangen.
Hierauf machte sich Karl näher an das Nest hin und begann, dasselbe zu untersuchen.
Drei Jungen, rief er, sind in dem Neste, drei Jungen, aber noch ganz nackt! Und während er dieses sagte, entflog eine Dohle, welche das Nest gesucht hatte.
Junge Dohlen! junge Dohlen! rief Karl, und nun nahm er unbarmherzig die nackten Dohlen aus dem Neste und warf sie vom Baum.
Seine Jugend-Genossen, welche mehr Mitleid mit den jungen Vögeln hatten, riefen ihm zu, die Brut doch zu schonen und sie ruhig im Neste zu lassen; allein Karl erwiederte: ich kann von jeher die Raben und Dohlen nicht leiden, was liegt auch daran, ob drei Dohlen mehr oder weniger herum fliegen! Und mit diesen Worten warf er auch das dritte Junge aus dem Neste, dann griff er das Nest selbst an und suchte es zu zerstören; er riß es auseinander. Da sah er auf einmal etwas blinken, er langte nach dem blinkenden Gegenstande und sieh! es war ein kostbarer, goldner Ring mit einem Edelstein. Freudig betrachtete Karl den Ring und schon rief er: »was hab ich gefun – –« da hielt er inne, und überlegte, ob es nicht besser sei, seinen Fund zu verheimlichen? Er entschied sich kurz für die Verheimlichung, steckte den Ring zu sich, warf den übrigen Theil des Nestes auch noch vom Baume und stieg dann herunter.
Da lagen nun die armen Dohlen, ihrem Ende nahe. Die Knaben hatten sich um die nackten Thierchen gestellt, und konnten nicht umhin, die Handlung Karls zu tadeln und den Vögeln ihr Mitleid zu bezeigen.
Wie wäre es denn dir gewesen, sprach Justus zu Karl, wenn man dich so aus der Wiege geworfen hätte? Geh, du solltest dich schämen und nun lachst du noch?
Ha, ha, ha! erwiederte Karl, gehöre ich denn zum Geschlechte der Dohlen?
Ich will nur damit sagen, fuhr Justus fort, daß diese armen Thierchen denselben Schmerz fühlen, den du gefühlt haben würdest, hätte man dich so unbarmherzig aus der Wiege geworfen. Zudem sind auch diese Vögel nicht ohne allen Nutzen für den Menschen, die sogar den Schafen und Schweinen das Ungeziefer vom Rücken suchen, wie ich recht gut aus der Naturgeschichte weiß.