Furcht und Trotz halfen den Ratschlägen des Kaplans, am folgenden Tag wurde Josi Strahler. Von den Felsen der Krone, wo sich sonst niemand hinwagt, brachte er dem Kaplan die dunklen Morione, vom Bockje die klaren Edelkrystalle, vom Schmelzberg die wunderfeinen Strahlen des Grauspießglanzes und die zierlichen Eisenrosen, die im Stahlschimmer leuchten. Immer trug er die Leiter bei sich, die ihm früher zum Wildheuen gedient, unermüdlich kletterte er zu den Rissen, Höhlen und Kammern der Felswände empor. Es gab aber Tage, oft mehrere hintereinander, an denen sich Krystalle und Erze wie durch einen Zauber vor ihm versteckten, an denen er wohl mit zerschrundenen, aber leeren Händen zu Kaplan Johannes kam. Doch dieser blieb gütig, prophezeite ihm in geheimnisvollen Formeln reiche Ernte am nächsten Tage, schüttelte alles, was der Bettelsack Eßbares enthielt, vor dem Heißhunger des Burschen aus, streichelte ihn und sprach ihm freundlich zu, als wolle er ihn für die große Einsamkeit, in der er lebte, entschädigen, und manchmal war Josi, der unheimliche Kaplan habe ihn leidenschaftlich lieb.
Aber das Heimweh kam. »Vroni! — Vroni!« brüllte es in der Brust Josis, und wenn er tief unter sich einen Menschen über die grüne Alpe gehen sah, so hätte er hinabeilen und ihn umarmen mögen — o, alle von St. Peter, nur den Presi nicht.
Kaplan Johannes sah das Heimweh, ein eigentümliches Lächeln ging über sein finsteres Gesicht: »Josi, es ist ein Landjäger im Dorf, der es vor dir bewachen muß; denke dir, Bälzis Weib hat vor dem Garden beschworen, daß du im Schlaf gesagt hast, du zündest den Bären und St. Peter an. Wegen Ungehorsam gegen die Behörden und Drohung auf Brandstiftung will man dich verhaften, und jede Nacht stehen ein paar Häscher um das Haus des Garden im Hinterhalt, denn man denkt, du kommest am ehesten dorthin, weil du Vroni sehen möchtest. Also hüte dich! Und noch eins! Rühre keinen Halm auf den Alpen an, sonst giebt es eine Treibjagd auf dich und die höchsten Felsen retten dich nicht; sei vorsichtig, Josi. Ich füttere dich ja, Rabe, selbst wenn ich für mich keinen Bissen habe.«
Josi erblaßte — zitterte — also so weit war er: die Landjäger suchten ihn.
In seinem Schuldbewußtsein durchschaute er die Lüge des Kaplans vom Weib Bälzis, das ihn verraten haben solle, nicht recht, er erinnerte sich nur halb, daß er selbst bei der tollen Beichte unter der Wetterlärche etwas vom Bärenanzünden gesagt hatte. Aber nur in der gräßlichsten Erregung.
Nein! — nein! — Mochte ihn der Presi hängen lassen, eine Brandstiftung that er dem Andenken seiner Eltern nicht zu leid.
Bald erhielt er die Bestätigung dessen, was der Kaplan gesagt hatte, aus unverdächtiger Quelle. Er traf unvermutet und so, daß er nicht mehr ausweichen konnte, auf den Viehknecht des Bockjeälplers: »Fort, Rebell,« lachte der gutmütig rohe Mensch rauh und laut, »fünfzig Franken erhält, wer dich lebend oder tot ins Dorf bringt,« doch so, als ob er selber die fünfzig Franken nicht verdienen wollte.
Von diesem Tag an hielt sich Josi allen unsichtbar und lebte in den höchsten Flühen.
Was er litt! — Die Nächte, die entsetzlichen Nächte, während deren er irgendwo auf einer Planke lag, mit ihrem ehernen Schweigen und ihrer Einsamkeit! Tief unten winkten die Lichter von St. Peter wie ein Häuflein Sterne und riefen: »Komm, komm!« Und jeder leise Glockenklang, den die Luft zu ihm emportrug, schmeichelte: »Komm, komm!« Vroni nie sehen — nie auf den Kirchhof treten, wo Vater und Mutter begraben sind — nie in der Dorfkirche beten. Jedes Stück Vieh, das er sah, entlockte ihm fast Thränen, vorsichtig lief er hinzu, streichelte es, küßte es und redete lieb mit ihm. »Gelt, wenn du ins Thal kommst, grüßest du mir Vroni!«
Im gräßlichen Alleinsein wurde Josi beinahe Philosoph. Er liebte seine Krystalle, die wunder- und geheimnisvollen Blumen des Gesteins: »Warum müßt ihr so schön aus der Erde wachsen, du wie ein Röschen, du wie eine Thräne, die ein Engel vom Himmel hat fallen lassen, und du wie ein Haufen Spieße für den Ameisenkrieg. Wer hat dich gemessen und gezirkelt, du kantiger Edelkrystall, wer hat dich mit Rauch gefüllt und die Haarsträhnen durch dich gezogen, du schöner Topas, und dich öden weißen Stein mit Granatkörnern bestreut wie die Mutter selig am Dreikönigstage die Brotmänner mit Wachholderbeeren?«