Josi lachte trocken.
»Er ist kein Gottesmann,« fuhr Vroni fort, »er ist ein Teufelsmann. Die Mutter sagt's. Er ist nur ein davongelaufener Klosterschüler, er darf niemand die Beichte abnehmen; die Leute nennen ihn nur Kaplan, weil früher, zu Bergwerkszeiten, die Kapelle der Lieben Frau eine Kaplanei gewesen ist.«
Josi hatte das Bedürfnis zu widersprechen.
»Aber hat er auf den Alpen mit seinen Tränken und Sprüchen nicht schon manchmal krankes Vieh gesund gemacht? Denk' nur an die zwölf Stücke des Bäliälplers. Sie hatten die Klauenseuche und man wollte sie schon töten, da segnete sie Johannes und sie wurden in drei Tagen gesund.«
»Ja — und dafür starben dem Bäliälpler drei Wochen nachher die beiden schönen Kinder, die bis dahin kerngesund gewesen waren; er und seine Frau, die früher glücklich zusammen lebten, haben jetzt nichts als Zank und Streit, er ist wild über sie, weil sie den letzköpfigen Pfaffen ohne sein Wissen in den Stall geführt hat, und immer sitzt er zornig und traurig im Wirtshaus.«
»Die Kinder sind vielleicht auch sonst gestorben,« versetzte Josi kühl. »Wir lassen den Kaplan nie in unseren Stall, haben wir deswegen weniger Unglück mit dem Vieh als andere Leute? Nein, im ganzen Dorfe haben wir am meisten. Drei Jahre hintereinander haben wir Jungvieh aufgezogen, es wuchs und gedieh auf das schönste, aber jedesmal, wenn's bald hätte verkauft werden können, ist's umgestanden. Die Loba, die der Vater am Samstag verkauft hat, ist seit vier Jahren das erste Stück, das geraten ist.«
»Die Loba!« — Vroni bückte sich tiefer unter ihrer Last; die Thränen, die sie vergossen hatte, als der Händler das schöne liebe Rind davongeführt hatte, drohten wieder zu kommen. Sie wurde traurig und still.
»Du erzählst der Mutter nichts von Kaplan Johannes, gelt, Vroni,« versetzte Josi schmeichelnd, als sie durch die mit großen Pflastersteinen besetzte Straße von St. Peter schritten. »Nein, gelt, du sagst nichts!«
»Ei, wie Josi betteln kann.« Das Gesicht Vronis hatte sich gehellt. »Wenn du dich nie mehr mit dem Kaplan einlässest, will ich still sein.«
Sie schritten durch die lose Reihe gebräunter Holzhäuser, Ställe und Städel[2], die das Dorf bilden. Als sie am Gasthaus zum Bären vorbeikamen, einem alten, massiven Steinbau gegenüber der Kirche, die sich auf einem Felsenhügelchen erhebt, öffnete sich ein Fenster und eine Männerstimme rief: »Vroni! — Josi!«