Sie entzündet Licht, schließt Pult und Truhen auf und findet, was sie sucht, in einer kleinen Schublade — Briefe — die Notschreie Josis um sein totes Schwesterlein und um sie.
Sie küßt sie — ihre Augen blitzen — ein bleiches Lächeln geht über ihr Gesicht. »Darum hast du so viel trinken müssen, Thöni, du Schuft! Aber ein Narr bist du wie alle, die Schlechtes thun. Sonst hättest du die Briefe vernichtet.« Aus der Ferne hört sie den gleichförmigen Gesang des Wächters, der mit seinem Spieß taktmäßig auf das Straßenpflaster schlägt. Sie löscht das Licht aus, bis er vorübergegangen ist.
Dann entzündet sie es wieder. Ein jubelndes Triumphgefühl steigt in ihr auf — sie will am Morgen die Briefe dem Vater vorlegen — Thöni ist geschlagen, das Feld für Josi frei. — Und vor Josi will sie sich rechtfertigen — so bald als möglich.
Sie schreibt in fliegender Hast ein paar Zeilen, die ihn in den Teufelsgarten bestellen, steigt durch den Untergaden ins Freie und hängt den Brief mit Hilfe einer Stange, einer Nadel und eines Fadens an die Haken des Fensters, hinter dem Josi schlafen muß, und kehrt leis zurück.
Alles was sie thut, thut sie wie im Traum — sie ist ihrer Sinne nicht mächtig, so hämmert die Brust — sie taumelt durchs Haus, sie tritt wieder in Thönis Zimmer, sie steckt den Schlüssel in seine Kleider, sie betrachtet einen Augenblick den Schläfer, sie hebt die geballte Faust: »Josi hast du gemartert und schläfst so gut.«
In ihren Augen funkelt der Haß, sie flüstert: »Weiß Gott, ich könnte Judith sein.«
Fort eilt sie und nun ist ihr doch, sie höre etwas. — Das Entsetzen rüttelt sie — sie hat den Vater seufzen gehört — aber sie hat nicht gewagt, sich umzusehen. War es nur Einbildung der gespannten Sinne, daß er unter der Thür seiner Kammer stand?
Wie eine Bildsäule lehnt sie noch im Morgenrot mit gefalteten Händen an ihrem Bett, blaß und aufgeregt, aber in furchtbarer Entschlossenheit.
Sie muß mit dem Vater reden — rasch — rasch.
Am Morgen aber meldet Frau Cresenz, der Vater sei krank, und wie Binia doch zu ihm heraufsteigen will, da fleht jene, daß sie ihm Ruhe gönne.