Daran hätte sich Binia nicht gekehrt, es handelte sich jetzt gewiß um mehr als Ruhe, aber — ihr selber liegen die Erregungen der Nacht wie Blei in den Gliedern — sie hätte die Kraft nicht, mit dem Vater zu reden, wie sie müßte — sie könnte nur weinen.

»Wohl, wohl,« meint Frau Cresenz, »das wird eine heitere Wirtschaft auf den Sommer, der Präsident ächzt, du bist so zitterig wie Espenlaub und von Thöni mag ich schon gar nicht reden — der war heute früh wie eine Leiche — die Post hat er nicht besorgt — er hockt schon wieder beim Glottermüller und säuft. — Und ich überlege, ob ich nicht fortlaufen will.« — —

Der Presi sitzt in seiner Stube im Lehnstuhl und stöhnt: »So viel Elend! — Die Dörfler drohen mit Aufruhr — der Garde ist wild über mich — die Wildleutlaue steht in Sicht — und nun ist auch der Rebell wieder da — der unheimliche Rebell, von dem man nicht weiß, woher er in allen Dingen seine Stärke hat.«

Wie sonderbar hat er es im Kreuz zu Hospel vernommen, daß der zurück ist. Die Bräggerin plauderte so harmlos, als ob sie nichts merke. Thöni aber stürzte Glas auf Glas und in seinem Rausch sagte er auf dem Heimritt immer nur, er werde den Rebellen töten.

Er hat sich an der letzköpfigen Aufregung Thönis geärgert — er konnte nicht schlafen vor Verdruß. — Da — da — hört er eine Thür gehen — er streckt den Kopf aus dem Schlafgemach — — Binia schleicht leichtgekleidet und barfuß aus Thönis Kammer und huscht hinüber, wo sie und die Mägde schlafen — Bini — seine Bini. — Ist's möglich — sie in der Nacht bei Thöni — sie, die sich immer gegen ihn gewehrt und gesperrt hat — sie, das wilde und doch so keusche Blut ist so wohlfeil geworden.

Er ächzt — er stöhnt. — Es ist unfaßbar, daß Binia zu Thöni gegangen sei, aber was das Auge sieht, glaubt das Herz. Er hat gestern abend einen Groll gegen ihn gefaßt — und die Wahrheit — er hat schon lange etwas gegen ihn. Wie, wenn Thöni doch nicht der rechte Schwiegersohn wäre? Es ist ihm furchtbar zu Mute. Er hat mit der Verlobung das Dorf schlagen wollen, nun ist ihm, er habe sich selber und Binia geschlagen. Das arme Kind — der liebe, lose Vogel — ob ihm nun die Wiederkehr Josi Blatters nicht das Herz bricht. Und in heißen Stößen spürt der Presi, wie er Binia liebt, die arme Maus, die sich mit Thöni vergessen hat. — Er möchte sie schlagen vor Wut, er möchte vor ihr niederknieen: »Bini, meine einzige, sage es deinem alten Vater, was er gesehen hat, sei nicht wahr.« Aber er kann das Kind nicht rufen. Vor eigener Scham. Sein Herz klagt ihn schreiend an: »Ich habe sie mißhandelt. Und der Mensch ist wie ein Pferd. Das edelste Tier wird, wenn es genug Schläge bekommen hat, störrisch und stürzt sich in den Abgrund.«

So ist Binia gestürzt, sein herrliches Kind — sein ist die Schuld — er darf ihr nicht mehr in die Augen sehen.

»Möge dich Gott schlagen,« hat er einmal gesagt — und Gott hat sie geschlagen.

Es ist schrecklich. — Eine Umkehr giebt es nicht mehr, nur Eile vor dem Rebellen. Am Sonntag muß der Pfarrer die Ehe Thönis und Binias verkündigen. Ein Glück ist in diesem grenzenlosen Elend: Binia weiß jetzt, daß das Spiel mit Josi Blatter aus ist — das ist vorbei!

Es ist ein furchtbar bleiches Lächeln der Genugthuung, das um die Lippen des Presi spielt.