Binia wimmert nur, etwas Schweres schließt ihr den Mund. — Sie schwankt empor, sie tappt davon wie eine Trunkene.
Sie ist in ihrer Kammer, sie kniet an ihrem Bett: »Mutter — Mutter — es ist entsetzlich — das glaubt der Vater — ich hätte mich mit Thöni vergangen! — Und ich darf ihm die Wahrheit nicht sagen, warum ich mein Kinderlachen verloren habe. Er würde daran sterben.«
Und sie wimmert, wie der Engel wimmerte, den man aus dem Himmel stieß.
»Mutter — Mutter — wie sind wir unglücklich. — Aber gelt, Mutter, liebe Mutter, Josis Werk kann uns erlösen — er, der so viele erlöst, kann auch uns befreien. Ich bin an allem schuld. — Und den gräßlichen Vorwurf des Vaters muß ich tragen — Mutter — um des Vaters selber willen — hilf mir schweigen.«
Was Binia noch sonst sagt, ist stammelndes Gebet.
Der Presi aber ist noch nicht zu Ende mit seinem Zorn, die furchtbare Angst um Binia erzeugt seine Wut immer neu. Er rennt hinunter zu Frau Cresenz, er donnert sie an: »Was sagt Ihr eigentlich zu der Geschichte von den Briefen — was sagt Ihr zu dem elenden Gesichtchen meiner Bini? — Wohl, wohl, Ihr habt mir mit Eurem Neffen einen saubern Schuft ins Haus gebracht. — He, Frau Cresenz — gestupst und getrieben habt Ihr Tag und Nacht an mir, daß ich Bini dem Thöni gebe — und er hat mich getrieben, daß ich den verfluchten Neubau angefangen habe.«
Frau Cresenz, die kühle und geduldige Frau, wischt sich, wie er nicht aufhört zu wüten, mit der Schürze die Thränen ab: »Präsident,« sagt sie entrüstet, »ungerecht bleibt Ihr, bis Ihr sterbt! Ich habe auf Thöni, den Speivogel, gar nicht viel gehalten. Denkt aber an den Wintertag, an dem Ihr mit Thöni, aus Freude darüber, daß Blatter tot sei, wie toll getrunken und die Gläser miteinander ins Leere gestoßen habt: 'Zum Wohl, Seppi Blatter, zum Wohl, Josi Blatter, du Laushund.' Habt Ihr da nicht geahnt, daß es ein Unglück giebt?«
»Schweigt!« schreit der Presi entsetzt, ihm ist, als zünde ihm jemand mit einer Fackel ins Gesicht; er ist seiner Zunge nicht mächtig, er würde sonst Frau Cresenz nicht so lange haben reden lassen.
»Als die Todesnachricht falsch war,« fährt sie fort, »und Blatter wieder schrieb, da hat der Thor, der euch alles von den Augen absah, gemeint, es sei euch ein Gefallen, wenn Blatter tot bliebe. Er hat den ersten Brief unterschlagen, dann hat er nicht mehr rückwärts können, hat falsch geschrieben und es ist gekommen, wie's gekommen ist. Daß er ein Schelm und fremd geworden ist, daran seid Ihr schuld.«
Plötzlich versteht der Presi die Handlungsweise Thönis.