»Fürchte dich nicht, Binia,« mahnt der Garde, »gewiß geht eher St. Peter unter, als daß deinem Haupt ein Leid geschieht.«
Hoch oben trennen sie sich. — Binia geht langsam, Schritt für Schritt, sie steigt in die falbe, schweigende Einöde — sie ist auf der Flucht — ihre Lippen zittern: »Zu Josi!«
Einen Augenblick noch sah ihr der Garde nach, dann wendete er sich in Selbstvorwürfen: »Der Mensch meint, er mache ein Ding gut, und er macht es böse. — Es wäre in diesem Augenblick viel wert, wenn das Dorf wüßte, was für ein Verbrechen Thöni Grieg an Josi begangen hat.« — —
Eusebi ist auf dem Weg nach Hilfe und der Garde eilt zu den Dörflern hinaus, die die Leiche in der Glotter suchen. Vielleicht bringt er sie im letzten Augenblick zur Vernunft.
Im Bären aber kämpft ein alter, einsamer Mann, er kämpft wie der angeschossene Adler, der jäher als je zuvor gegen den Himmel steigt. Er kämpft wie die Forelle an der Angel, die auf den Grund des Wassers schießt und sich in Schlamm und Kies verbohrt. Aber der Adler fällt rauschend in die Hochgebirgstannen, die Forelle verliert die Kraft und muß aufwärts steigen.
Der Presi weiß es: er ist der Adler — er ist die Forelle — seine Stunde ist da.
Er sitzt und betet — er blickt über sein Leben — er sieht alle seine Missethaten gegen Fränzi und Seppi Blatter — gegen die selige Beth — gegen Josi — gegen Binia — und er hat Thöni auf dem Gewissen. Eine furchtbare Angst um Binia überfällt ihn. Sie ist wohl sicher in Josis Felsenwerk — aber er hätte sie nicht gehen lassen sollen — in seiner grenzenlosen Verlassenheit gewinnt der alte Traum Macht über ihn — und er weiß jetzt, wer der dritte ist, der am Haupt seines Kindes rühren wird — es ist der schreckliche Kaplan, der den Haß gegen ihn und eine verbrecherische Leidenschaft für das Kind in einer Blutthat ertränken möchte.
Er sollte jetzt der Presi sein — er sollte handeln — sollte reden — aber die Kraft versagt. — Das Dorf ist totenstill — er weiß nicht, was draußen an der Glotter geschieht — wie Binia ihr Ziel erreicht. — Die Furcht lähmt ihn und kein Mensch kümmert sich um ihn.
Doch, die bebende Vroni steckt den Kopf herein und harrt den langen Tag als Samariterin bei ihm aus.
Sie kommen so furchtbar lange nicht, die den toten Thöni bringen. Mittag. — Abend. — Da naht endlich der traurige Zug, in dessen Mitte die Leiche auf einer Bahre liegt.