»Ich demütig — das ist schwer. — Wohl, wohl, ich will demütig sein!« flüsterte Binia mit feinem Stimmchen und gesenkten Lidern, »aber —«
»Was für Rätsel hast du denn noch, du grüblerisches Kind?«
»Ich habe jetzt zwei Mütter, eine tote, die mir lieb über alles ist — und eine lebendige. Wie soll ich's da halten? Kränke ich die tote nicht, wenn ich gut zu der lebendigen bin?«
»Richte in deinem Herzen einen Altar auf für die tote, schmücke ihn mit Blumen der Liebe; der lebendigen aber diene als gutes Kind, denn, Binia — Frau Cresenz ist eine wackere Frau.«
Binia schwieg mit gesenktem Kopf.
Da drang von der Kirche herüber der Einuhrschlag, er mahnte Fränzi an die schwere Stunde, wo Seppi für immer Abschied genommen hatte.
»Und nun sollte ich auch dich herzlich um etwas bitten, Vögelchen. In grenzenlosem Leid hat dich der selige Seppi beschimpft. Vergieb ihm, Binia!«
Statt jeder Antwort preßte das Kind das Köpfchen an die Brust der Frau, nicht anders, als wäre sie die Mutter.
»O, Fränzi, ich höre Euer Herz — das ist so ein liebes, warmes Herz.«
»Ja, aber jetzt geh' — jetzt geh', du Nachtwandlerin, ich kann dein Bleiben nicht mehr verantworten.« Als Fränzi schon die Thüre aufschließen wollte, bettelte Binia: »Zeigt mir doch noch Vroni, wie sie schläft — o, wie manchmal hat's mich an der ganzen Seele und am ganzen Leib zu ihr gezogen.«