Nur wunderte man sich, wie die Wildleute das Wasser in die hohen Weinberge tragen oder führen werden, doch wußte man, daß sie in vielen Künsten erfahren waren.«
Erst jetzt merkte Vroni, daß sie auch vom Bruder im Stiche gelassen worden war. Was verschlug's? Er hatte ja die Geschichte schon oft von der Mutter gehört, die sie so schön wie niemand anders zu erzählen verstand. Als sie nun die treulosen Zuhörer suchen ging, bot sich ihr ein überraschender Anblick.
Zur Seite der Ruine, wo die Mauleselin Galta stand, lag Binia auf dem Haufen Grünfutter, den sie oder Josi dem Tier vorgeworfen hatte. Das wilde Kind lachte mit seinen schwarzen Augen und seinen weißen Zähnen den Burschen an und er hielt vor ihr stehend einen Strohhalm voll roter glänzender Erdbeeren, die ersten des Jahres.
»Mund auf und Augen zu!« sagte er zu der Daliegenden, die lustig zu ihm emporschielte.
»Aber nichts Wüstes hineinthun!« bat sie.
»Was denkst auch, Bineli,« lachte Josi.
Da schloß Binia die Augen zu, öffnete den Mund und Josi zog die roten Erdbeeren lächelnd vom Halm und steckte dem Kinde eine um die andere zwischen die roten Lippen. Plötzlich aber besann er sich anders, statt einer Beere drückte er ihr einen Kuß auf den frischen Mund.
Binia wollte zappeln, Vroni wollte rufen, das sei das Spiel zu weit getrieben, aber beide lähmte die Ueberraschung.
»Deus benedicat vos!« klang tief und feierlich eine Männerstimme aus dem Innern der Ruine, ein schwarzbärtiges hageres Gesicht schaute durch ein kleines Gitterfenster der Mauer auf die Kinder.
»Der letzköpfige Pfaff!« schrieen sie wie aus einem Munde, ein großer Schrecken war ihnen in die Glieder gefahren. Binia schirrte das Maultier los, Josi und Vroni eilten nach der Kapelle zu ihren Kraxen, stülpten die an einem Baum hängenden Hüte auf den Kopf und alle drei wollten ihrer Wege gehen.