Als sie sich aber auf der Brücke eben wieder begegneten und hastig aneinander vorübereilen wollten, trat der Mann von vorhin schlarpend aus der Ruine und mitten unter sie. Er war barhaupt, an den Füßen trug er Holzsohlen, um die dunkle rauhe Kutte schlang sich ein weißer Strick, von dem ein Rosenkranz niederhing. Ganz verwildert sah der bärtige Einsiedler aus, in dessen bleichem Gesicht zwei unstete Augen loderten.

»Pax vobiscum!« grüßte er sie. »Du bist Binia, die Tochter des Presi! Du bist Josua, der Sohn des Wildheuers! Kniet nieder ihr zwei!«

Er machte dazu mit seinen mageren Händen eine so feierliche Bewegung, daß die bekränzte Binia unwillkürlich gehorchte und auf die Brücke niederkniete.

Verwirrt folgte der Bursche.

Da legte er ihnen die Hände auf die glühenden Häupter und sagte tief und getragen: »So wahr ich Kaplan Johannes heiße, liebet euch untereinander, Josi und Binia.«

Er murmelte über ihnen einen langen lateinischen Spruch wie ein Gebet.

Vroni, welche die stille Zuschauerin war, kam das, was Kaplan Johannes that, unheimlich und schrecklich vor. Ihre Augen irrten hilfesuchend thalauf, thalab, doch wagte die Zitternde keinen Einspruch, dafür kam ihr das Gewand des Mannes zu heilig vor. Zuletzt sagte sie gepreßt: »Wir müssen ja gehen!«

»So geht!« grollte die Baßstimme des Kaplans, er schleuderte Vroni einen zornigen Blick zu, machte das Zeichen des Segens über den zweien und lief über die Brücke. Bald bimmelte das Glöckchen der Kapelle Vesper durchs Thal, aber die Kinder knieten bei den Klängen nicht, wie sie's gewohnt waren, nieder. Ohne sich zu grüßen, liefen sie hastig und mit roten Köpfen auseinander, Binia mit dem Tier über die Brücke thalaus, Josi und Vroni, mit ihren Holzschuhen klappernd, die Kraxe auf dem Rücken, den Stutz empor, der mit seinem Zickzack gleich hinter dem Schmelzwerk beginnt und nach St. Peter führt.

Da ragen, vom Weg nur durch die schreckliche, trichterartige Schlucht der Glotter getrennt, die Weißen Bretter, drei senkrechte und glatte Felswände, die aus der Tiefe der Schlucht wie weiße unbeschriebene Tafeln bis zum Gletscher und ewigen Schnee des Glottergrates ansteigen. Zwischen den drei Wänden ziehen sich zwei tiefe wilde Graben, in denen sich ausgewitterte Felsen, Klippen und Türme erheben, ebenfalls bis in die Höhe ewigen Winters, sie heißen die Wildleutfurren. In halber Höhe aber geht wie eine dunkle Linie die Leitung der heligen Wasser quer über die Felsen. Ein Rad, das oben klopft, sagt den Leuten im Thal, daß die Wasser ruhig die furchtbare Strecke fließen.

Schweigend waren die Geschwister eine Weile gegangen, da lehnte Josi die Kraxe an die Halde, die den Weg säumt, und schaute gespannt zu der Leitung empor.