Die immer gemütliche kühle Frau Cresenz, der Lächeln und Lachen Lebensberuf war, die kaum mehr wußte, daß sie lächelte und lachte, war freundlich gegen sie. Sie sorgte namentlich, daß sie in Gebärde und Bewegung, in Redensart und Kleid so vor die Gäste trat, wie es sich nach ihrer Meinung für das Bärentöchterlein von St. Peter schickte.

Es kamen aber immer wieder Augenblicke, wo Frau Cresenz die Kraft versagte. Wenn Binia ihr dunkles Augenpaar groß und fragend in die Welt stellte, schalt sie: »Kind, schau doch anders, es wird einem angst und bang vor deinen sonderbaren Lichtern. Wohl, wohl, die sind dazu angethan, einmal das Mannsvolk verrückt zu machen.«

Binia war es manchmal, als möge die Stiefmutter sie wegen ihrer Augen nicht leiden, aber noch unartiger war Frau Cresenz, wenn sie über kleine Herzensangelegenheiten mit ihr reden wollte.

»Dummes Kind, sprich nicht so geheimnisvoll — es ist gar nicht nötig, daß man alles in der Welt erkernt und ergrübelt, es ist sogar ungesund — recht thun, freundlich sein mit den Leuten, hie und da auch, wenn's einem nicht drum ist, damit kommt man durchs Leben.«

Wenn die neue Mutter so redete, schnürte es Binia die Brust zusammen. »Freundlich sein, wenn's einem nicht drum ist. Das versteh' ich nicht.« Traurig schüttelte sie das Köpfchen. Diese Kunst besaß aber die Stiefmutter, gerade darum konnte sie dieselbe nicht von Herzen lieben. Sie spürte, es war nichts Tiefes, Kernhaftes in dieser glatten, liebenswürdigen Frau.

Da gefiel ihr der Vater in seiner rauhen Wildheit doch viel mehr. In ihm lag, das spürte auch sie, eine übermächtige, ungezügelte, wahre Kraft. Er schleuderte die Beleidigungen ohne Besinnen hin, es war fast niemand im Dorf, den er mit einem raschen Wort nicht schon tödlich verletzt hatte, aber ein voller freundlicher Blick aus seinen dunklen Augen, ein gutes Wort — und alle, die ihn haßten, waren entwaffnet.

Und wie die Fremden von ihm sprachen. Sie hörte immer noch den ernsten alten Doktor, der so eifrig mit seinem Nachbar plauderte, daß er nicht merkte, wie sie mit einem Gericht herzutrat:

»Eine so gewaltige Gestalt wie der Herr Präsident, glaube ich, ist fast eine Ueberlast für ein Dorf wie St. Peter. Den hätte die Geschichte brauchen können, um einen großen Bauernführer aus ihm zu schnitzen.«

Eines schnitt Binia wie ein Messer ins Herz, nämlich wenn der Vater mit den fremden Frauen und Kindern redete. Wie klang das lieb und gütig, wie war er aufmerksam gegen sie. Die Kleinen und die Backfische hingen an ihm und einmal hörte sie eine fremde schöne Tochter sagen: »Mama, der Herr Präsident ist doch der herrlichste Mann, den wir auf unseren Reisen kennen gelernt haben.«

Da entglitt ihr der Früchteteller, mit dem sie zudienend um die Tafel schritt.