Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch nicht aufrecht halten konnte, übernommen, und König über seine Vasallen, den Storch, den wilden Schwan, den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im Blau des Äthers seine einsamen Bahnen zieht.
Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler haben ihre Wege in diesem traurigen Gebiet; doch es ist wie überall: Die Hüter des Gesetzes sind immer da, wo die Übertreter nicht sind. Wenigstens hört man selten von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein Kilogramm Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest etliche Stunden weit schleppt, dafür.
In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein undankbarer; denn keine Verletzung hat im Volke einen solchen Rückhalt wie der Schmuggel und keine Beamten sind so verachtet wie die »doganieri«; ich aber, der ich kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus am Porto Rosega hin und wieder gern Rast gehalten.
Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene üppigen Campagnen des untern Friauls, die sich fortsetzen in die Lombardei, bis hinüber zu den Seealpen.
Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und fast tödlich langweilig mögen sie für den Fußwanderer sein, der ihre schnurgeraden, endlosen, staubigen Straßen geht. Eine Spazierfahrt in offener Kalesche und am kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich ist, in der man Richtung und Himmelsgegend wie auf dem offenen Meer verliert, habe ich immer angenehm gefunden.
Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen Weiten, das grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich nach den Stützen des Firmaments. Am Horizont des Nordens standen dann weiße Schimmer. – Waren es Wolken – waren es Schneeberge? Ich konnte im Zweifel sein.
Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs der Ackerfurchen in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume; und von Maulbeerbaum zu Ulme, von Ulme zu Kirschbaum, vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem zum Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet, die Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen Maiskorns, das zweimal im Jahr den Erntesegen liefert, oder der mächtig in die Halme schießende Weizen die Felder deckt.
Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich halbwegs zwischen Monfalcone und Aquileja das blaue, breite Stromband des Isonzo, über welchen die Straße mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt.
Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß seine Geschichte und zwar eine Geschichte in der geschichtlichen Zeit. Er ist der jüngste Strom Europas und kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso, jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller melden, an den Mauern Aquilejas vorüberfloß, verschwunden ist und durch jene Gegend jetzt nur ein seichtes Küstenwässerchen schleicht.