Seltsamer Weise melden die mittelalterlichen Schriften kaum etwas, wie aus dem Natisso der Isonzo entstand. Man weiß nur, daß ums Jahr 580 während eines vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze Landschaftsbild umformten, über das Friaul niedergingen, so daß die Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen.
In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso, durch einen Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem Bette gedrängt, seinen Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten immer mehr durch das Tiefland ostwärts vagierend, seinen Unterlauf geändert und am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen, mit der er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt.
Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul – so bezeugt es Herodian, der Geschichtsschreiber des zweiten Jahrhunderts – den Fremden durch eine Üppigkeit, welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist; zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer, enterbter Mann geblieben.
Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und die Landbarone der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier der Vergangenheit und der Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts, die Gegensätze prahlenden Lebensgenusses und unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb Jahrtausenden christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben.
Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem steht der Colono in der Schuld seines Herrn. Nach altem Herkommen sichert der Pachtvertrag dem Gutsbesitzer zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume, zwei Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais, er sichert ihm auch jene Dutzende von Abgaben an jungem Vieh, an Geflügel, Butter, Eier und Erstlingsfrüchten und überdies eine bare Pachtsumme oder Wohnungsmiete, wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge aufzukommen hat.
Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum kann der Colono kein guter sein! In der Tat fehlt es ihm an allem, an Betriebskapital, an vorteilhaften Geräten, an einem erfreulichen Viehstand und an der Lust, irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt sein Fleiß und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe in die Höhe, dann hat der Herr das größte, er selber das kleinste Interesse daran.
Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist im günstigsten Fall ein patriarchalisches; man läßt ihn nie ganz verkommen; man ermutigt ihn mit Pachtnachlässen, wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne heimsucht; im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer ein Mann harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe dann dem Colono! Dann hat er zu Zeiten wohl auch das rauhe Brot der italienischen Armut, die Polenta, nicht mehr.
Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über das Land. Der transozeanische Westen ist das Ziel, dem hundert furlanische Herzen entgegenklopfen, und es ist keine Frage, daß die genügsamen, braunen Tieflandssöhne drüben noch eine Zukunft haben.
Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen Mauern und Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die viereckigen Löcher, in denen keine Fenster sind und die des Nachts mit vorgestellten Brettstücken geschlossen werden, geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen.