Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone, brausten die beiden Apfelschimmel so feurig dahin, als gälte es einen Morgenbesuch in Venedig; allein an den Karstklippen, durch die sich die Straße zur Höhe emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls und das am Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt das Auge noch eine Weile in Spannung. Als wir jedoch die Höhe eines in die furlanische Tiefebene vorspringenden Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir nichts mehr als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen Gebirgs. In seinem endlosen Grau bildeten nur die sich scheu in die flachen Bodensenkungen duckenden, kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige Pflanzenoasen und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht und nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen grünbraunen Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen.
Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes, wenig bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen hie und da ein Häslein die Ohren reckte, und nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir die frischgrüne, lachende Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche Tieflandsbucht, welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten Gebirgszüge des Karstes sendet.
Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen Bauten. Zur Rechten erhebt sich die Santa Scala von Merna, eine Kirche mit Doppelturm auf freiem Hügel; zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in einem hellen Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs.
Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd, als drückte sie ein Geheimnis aus dem Berginnern, die Wippach, die einige Stunden oberhalb Görz plötzlich als starker Fluß aus dem Gebirge quillt, mit gelbgrünen Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen, raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers liegen Görz, seine großen Fabriken und seine Vorstädte im weinreichen, nach Süden geöffneten Kessel, und darüberhin die Felsenrücken der Isonzoberge. Auf einem derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein großes, kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des Monte Santo. Das ist das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln des Küstenlandes, nach dem die Italiener der Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher Verehrung und in großen Bußprozessionen wallfahrten.
Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist der Schuhmacherort des Friauls, denn wie nach altem Herkommen an dem einen Ort ausschließlich Tischlerei, an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer- oder Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft bildet, so blüht in Merna die Kunst der Fußbekleidung.
Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten wir in Görz an.
Eine Stadt mit 17 000 Einwohnern kann nicht groß sein, aber doch manche Sehenswürdigkeiten enthalten. Görz ist weder groß, noch durch letztere merkwürdig; aber mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso saubere als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen Marktplatz geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser sieht, dann fühlt man's heraus, daß man sich in einer alten, deutschen Stadt befindet, die durch den Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal zu liegen kam.
Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von einem deutschen Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen italienischen und slavischen Volkselementen das deutsche Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter die österreichische Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer Kaufleute und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen im 17. Jahrhundert gelangte, trotz des Protestes der eingebornen Görzer im Jahr 1626, daß sie »echte, rechte, geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um die Sprachoberherrschaft der südliche Wohllaut über das kräftige germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem alteinheimischen Deutschen und dem Slovenischen hat sich die italienische Sprache immer mehr befestigt, so daß jetzt 11 000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest von 1800 Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache einen dauernden Halt sichern, so daß Görz die Stadt bleiben wird, wo sich drei Sprachen stoßen.