Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung und deutsch das Bier. Diese drei haben mich in der Stadt am meisten gefreut.

Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem nach allen Seiten freien Hügel das durch Bastionen verstärkte, aber zum Teil verfallene Kastell, das ehemalige Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren Töchter selbst deutsche Kaisersöhne freiten.

So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht, der durch die Hand des Johannes Parricida fiel, eine Görzerin, und das »kühne, unerschöpflich begierige Weib«, das sich nach dem Kaisermord zur gräßlichen Rachefurie wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in der Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen Burg im Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht haben.

Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte dieser Frau nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von Görz, die an der Wende des vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert gelebt, noch einmal so freundlich aus. Ihre Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in ein italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten Ritter aus. Als aber die junge, schöne Maid die lachenden Gefilde Italiens, die prächtigen Städte und ihr fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und sie verhehlte dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte, ihre Leiden nicht. Herr Balthasar war nicht unritterlich und die Worte der Dame gingen ihm nahe. Statt ins Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem Priester, der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten sich ins Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer niedrigen Bauernhütte Flitterwochen hielten.

Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich gegen solches Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen. Da erschien irgend ein geistlicher Herr – die Kirche hat ihre Sache nicht immer so gut gemacht – löste alle Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude auf, so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel, ös ist G'fahr vorbei.«

Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte ging mit den Grafen von Görz an der Stadt vorüber, und hätte sie sonst keinen Ruhm, so könnte sie auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.

Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt am Isonzo eine beträchtliche Industrie für Mahlprodukte, Spinnerei, Weberei und Papierbereitung, einen bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel, eine Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen Studenten deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches Zentralseminar, dessen gutgedrillten Zöglingsscharen und schwarzen Führern man an allen Ecken der Stadt begegnet, woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann, daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart nicht ausgeht, eine Provinzialackerbauschule, in die man keine Coloni schickt, ein Damenstift und einige Klöster, in welche man die ehe- und weltscheuen Leute steckt, und einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet.

Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die schöne, ruhmreiche Stadt, wo die küstenländischen und krainischen Beamten und Professoren im milden Glanz eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten verzehren, Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern, aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder nie begonnen, oder längst verlernt, wenn er die kaiserliche Pension genießt.

Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit seinen Einkünften nicht leben und nicht sterben kann; wenn aber ein Fremder von Görz hinaus gegen den Isonzo wandert, so staunt er über die Villenpracht. Das frische, kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die spiegelnden Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen plaudert die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige Antike von Aquileja nicken im dunkeln Lorbeer, und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden Farben das zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene, denen der Zufall der Geburt schon eine Couponschere unter das Wiegenkissen gelegt.