»Un uom' rovinato« und ein Schiffsjunge von zwölf Jahren. Umsonst suchte ich es mir zusammenzureimen. Als ich eben wieder einen Schluck zu tieferer Ergründung des Gedankens aus meinem Blechbecher tun wollte, waren wir in Parenzo, und ich sagte seinem alten Dom Grüß Gott!
Die Stadt gefiel mir ausnehmend, und ich hätte ihr bald eine Standrede gehalten.
»Parenzo«, hätte ich gesagt, »du bist ein grünes Reis auf dem alten Stamm, der Parentium hieß und eine römische Kolonie war. Es ist dir wenig geblieben von der alten Herrlichkeit: zwei Säulenstümpfe und ein Pfeiler auf dem Platze Marafor; das andere liegt drunten im Meer, und die Krabben kriechen drüber hin. Manche deiner Schwesterstädte stehen zwar malerisch auf einem Vorgebirge, du auf einer flachen Landzunge; aber du hast, was jene nicht haben, einige moderne Bauten.
Ich ziehe meinen Touristenhut ab vor deinem Dom, der dreizehn und ein halbes Jahrhundert an sich vorübergehen sah. Allein wäre er nicht von Stein gewesen, dann hätte er wohl in Jammer und Elend gewankt, als vor fünfhundert Jahren die Pest deine Kinder, junge und alte, zu Tausenden würgte und die letzten Dreihundert knierutschend zu deiner Schutzheiligen flehten: Heilige Eufrasia, schone uns!
Die Heilige tat ein Einsehen; sie schonte die Dreihundert, und heute sind's wieder fast dreitausend. Sie bauen Schiffe, sie verkaufen Wein und Holz, sie schleppen die Netze, ein Bischof segnet ihre Arbeit, und nie ist's schöner bei dir zu wohnen, als wenn die dreiunddreißig Landräte von Istrien durch deine Gassen wimmeln und dem Wohle des Landes nicht schaden. Fürwahr, du bist nicht die Kleinste von Istrien!«
Da rollten die Matrosen eben wieder eine Partie der unvermeidlichen Weinfässer ins Schiff; ich mußte meine Füße in Sicherheit bringen und brach den stummen Sermon ab, ohne dem Schönsten an Parenzo gerecht geworden zu sein, dem vor der Stadt liegenden wunderhübschen Eiland San Nicola.
Es ist eine südliche Ufenau! Es stehen zwar keine Fruchtbäume darauf, aber viel helles Oliven- und dunkles Lorbeergesträuch; kein Kirchlein grüßt vom Fels, aber ein halbzerfallener Turm; kein Ulrich von Hutten hat darauf sein einsames Grab, aber wer weiß, ob die Lorbeeren von San Nicola nicht über einem toten Helden rauschen?
Unser Schraubendämpferchen zischte wieder; ade Parenzo! ade San Nicola!
Ist die felsige, flache Küste von Cap Salvore bis Parenzo reizlos, so entschädigt, wenn man das grüne Eiland im Süden umfahren hat, die entzückende Fahrt durch den Scoglienarchipel den Touristen vollauf!
»Eine Schweiz im Wasser!« Ich kann nicht mehr sagen, welcher Reiseschriftsteller diese Bezeichnung für das liebliche Wirrsal kleiner Inseln aufgebracht hat. Der seltsame Reiz, den diese Felseneilande auf das Auge üben, kann allerdings mit demjenigen einer schönen Schweizerlandschaft verglichen werden; aber Schweizerisches ist nichts daran.