»Ein Karst im Wasser!« Damit hätte man wenigstens die geologische Eigenart dieser Inseln charakterisiert; aber Karst sind nur die furchtbar verwaschenen Felsenfundamente, die malerischen Riffe und Wellenbrecher, die sie der hereinflutenden See entgegenstellen. Die Rasendecke dagegen, die bald wie ein Teppich und bald nur wie ein Häubchen die Scoglien deckt, die malerischen Baumgruppen, die kleinen Fischerhäuser sind zu anmutig, als daß man sie in eine Karstlandschaft einfügen dürfte; sie sind mit der blauen Flut und dem öden Fels ein einzig schönes Meeridyll. Den großen Meerschiffen sind die Scoglien verschlossen, und selbst das kleine Küstenschiff krümmt und windet sich mit Mühe durch die Kanäle, welche den Archipel labyrinthisch durchziehen, bald sich zum Engpaß schließen, bald zum freundlichen Bild eines Binnensees ausweiten, hier den Blick auf ein kleines Landschaftsbild begrenzen und dort dem Auge den Durchblick auf das ruhig-große Meer erschließen.

Wenn aber die See rast, und die sturmgepeitschten Wogen an den Scoglien zerschellen, dann mag die stille Schönheit dieser Inseln einem furchtbaren Bilde weichen. Darum wächst auf diesen Felseneilanden ein Lotsengeschlecht, dessen Ruhm an der Adria kein anderes verdunkelt.

Der Lotse zur See, der Führer im Hochgebirge, sie beide stehen im Dienste des Lebens anderer, und manch einer, dessen Name in der großen Welt mächtig widerhallt, wäre kaum würdig, diesen schlichten Helden, von denen man wenig singt und sagt, auch nur die Schuhriemen zu lösen!

Da, wo sich die kleinen Inseln am dichtesten drängen, hängt das Städtchen Orsera an steiler Küstenhöhe. Nicht gar fern davon schneidet eine schmale Felsenbucht tief ins Land. Es ist der Canale di Leme, ein in den Süden versetzter norwegischer Fjord.

Nun sieh dort das Heiligenbild, das hoch vom fernen Campanile glitzert und glänzt! Das ist Sant' Eufemia im Strahlenkranz, die Schutzheilige von Rovigno, der Stadt, die ich grüßen soll, und ich grüße sie gern; denn ein Hauch südlicher Romantik webt über ihr und ihrem gewaltigen Dom, der, auf dem Vorgebirge stehend, all die Profanhäuser der Stadt, wie eine Henne die Küchlein, um sich sammelt.

Ein Rätsel ist mir nicht gelöst worden, nämlich warum die Rovignesen vor anderthalbhundert Jahren ihren alten Schutzpatron, den heiligen Georg, der doch als wackerer Kriegsmann während mehr als einem Jahrtausend die Stadt vor Sarazeneneinfall, Ungarwut und Pest gehütet, als Schutzpatron abgesetzt und sich unter den Schirm einer Heiligen gestellt haben. Ich vermutete indes, daß es als eine Huldigung an die schönen Frauen Rovignos geschah, die sich so seltsam und reizend zu kleiden verstehen.

Welche unserer Damen weiß, was eine »Vestura« ist? Ein leichter, luftiger Überwurf, der wie eine rückwärts gebundene Schürze empor gezogen wird und, ähnlich wie ein venetianischer Schleier über Scheitel und Oberkörper gewunden, Antlitz und Büste duftig schmückt.

Es war schon Nachmittag, als unser Schiff an der hübschen Insel San Catterina vorbei, welche sich als ein natürlicher Wellenbrecher vor dem Hafen Rovignos lagert, in die südlichen Scoglien steuerte. Sie sind größer und vegetationsreicher als die nördlichen, und bergen hie und da unter dem Schutze eines kleinen Hügels an blauer Meerbucht ein schimmerndes Fischerdörfchen. Ja selbst die Rauchwolken aus dem Schlote einer Zementfabrik ziehen über die Olivenwäldchen von Sant' Andrea, einer größern Insel in der Nähe Rovignos.

Allein sie stören den märchenträumenden Frieden des stillen Meergeländes nur einen Augenblick; denn