»Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde
Klingen Abendglocken dumpf und matt,
Uns zu geben wunderbare Kunde
Von der schönen, alten Stadt.
In der Fluten Schoß hinabgesunken
Blieben ihre Trümmer stehn:
Ihre Zinnen lassen goldne Funken
Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.«
So meldet eine Schiffersage auf San Giovanni, und das Merkwürdigste daran ist der Umstand, daß einige von den Inselnbewohnern vorgewiesene Funde ihr einen realen Hintergrund zu geben scheinen.
Sodom, Gomorrha, Stavoren, Vineta, und hier eine schicksalsverwandte Stadt, deren Name selbst vergangen ist! Es mag merkwürdig zugehen, wenn am jüngsten Tage das Meer seine Toten ausspeit!
Ich beugte mich über den Rand des Schiffes, um nach den versunkenen Türmen und Dächern zu spähen. Eine Qualle, die wie eine zierliche Hängelampe mit ausgespanntem Schirm durch die Meerflut zog, wollte mir dazu leuchten; allein das Schiff fuhr vorbei, die schöne Meerampel verschwand, und es ging mir, wie es vielen schon gegangen – ich habe das istrianische Vineta nicht gesehen.
Südlich vom Scoglienarchipel sticht das Fahrzeug in den Kanal von Fasana, der sich wie ein breiter, ruhiger Strom zwischen den Klippen des Festlandes und dem grünen Teppich der brionischen Inseln durchwindet. Um drei Uhr erreichten wir die kleine Stadt, deren Name sich auf den Meeresarm übertragen hat, und sahen auch Perri, die bocchesisch-montenegrinische Kolonie, die rings umgeben von istrianischen Volkselementen den heimatlichen Typus fast unversehrt behalten hat.
Bald sind wir in Pola. Dort auf der größten der Inseln, auf der Brion grande dräut von der höchsten Hügelkuppe das erste Festungswerk. Es führt den ehrenvollen Namen Tegethoffs, des Siegers von Lissa, der sich ruhmbedeckt in die Kriegsgeschichte von 1866 eingetragen hat; denn hier am Kanal von Fasana hat der kühne Admiral sein Geschwader, für dessen Kriegstüchtigkeit ganz Österreich bangte, gesammelt und es von hier aus zur heißen Seeschlacht bei der dalmatinischen Insel geführt.
An dem Eiland San Girolomo vorbei kamen wir in die Bucht von Pola. Sie könnte mit der blauen, ruhsamen Flut, den grünen Hügeln, welche sie umkränzen, ein idyllisches Meerbild genannt werden, schaute nicht von den Uferhöhen Fort an Fort auf den stillen Golf und blickten nicht hundert Mündungen blanker Stahlgeschosse aus den engen Schießscharten der Festungsrondellen auf den Wasserspiegel, die das Friedensbild zum furchtbaren Festungsrayon verwandeln.
Die Bucht weitet sich birnenförmig aus. In ihrem Hintergrund liegt der von Barken belebte Handelshafen von Pola und südöstlich, durch die Oliveninsel und ein anderes kleines Eiland abgeschlossen, der eigentliche Kriegshafen, wo die abgetäuten Panzerschiffe schwimmen. Die Stadt lagert sich staffelartig um einen zwischen den Häfen vorspringenden Hügel.
Das Erste, was der Reisende von Pola erblickt, ist die Kolossalruine des römischen Amphitheaters, das den Sturm fast zweier Jahrtausende überdauert hat. Ernst und beschaulich sieht es auf den Golf, wo sich eine moderne Großmacht mit ihrer Seewehr brüstet.