Eine gar gemischte Gesellschaft standen wir erwartungsvoll am gotischen Gittertor und wehrten den zudringlichen Jungen, welche zierliche Tropfsteingebilde und Erinnerungsstücke feilboten und mit jeder Minute um fünf Kreuzer billiger wurden.
Endlich kamen die Führer und Grottenwächter, alles ältere Leute in zerschossenen Knappentrachten, die Bergmannslaterne im Gürtel, dahergeschritten. Der Riegel klirrte; die Karawane, in welcher die Gestalt eines mit Fez und weißem Filzmantel angetanen bochesischen Magnaten besonders hervorstach, zog, nachdem sie zum Schutz gegen die nur 8–9° R betragende Höhlentemperatur die Überröcke und Shawls umgeworfen, in die Grotte ein.
Die ersten fünfzig Schritte boten nichts Bemerkenswertes, und schon wollten wir unserer kühlen Stimmung recht geben, da horch – verlorenes Wasserrauschen – da sieh – eine weite Halle über uns und herrlich hereinflutend eine Garbe elektrischen Lichts. Wir selber stehen hoch auf einer Felsengalerie über einem Höhlenabgrund, in dem mit flimmernden Wellen der unterirdische Fluß durchs Halbdunkel zieht.
Es geht allen Besuchern gleich. Sie sind bezaubert vom Anblick des »großen Doms«, der gewaltigen Halle, mit welcher die Adelsberger Grotte kaum 30 Meter vom Eingang überrascht. Und doch muß das Auge sich erst an die Kontrastlichter gewöhnen, in denen Höhlendunkel und elektrische Flamme sich widerstreiten, ehe es die gewaltige Deckenspaltung und die Höhe des weiten Raums ermißt. Mögen die Führer in ihren ledernen Erklärungen jene zu 45, diese zu 28 Meter angeben, auch in der dürftigsten Seele ist die Phantasie machtvoll erwacht, und den Meterstab bei Seite setzend, mißt sie den Naturdom nur mit ihrer bewundernden Andacht aus.
Etwas unendlich Geheimnisvolles, Düsterschönes, liegt in dem weltabgeschiedenen Raum. So mag die ahnende Seele des Griechen sich die Ufer der Lethe und den Totenfluß selber vorgestellt haben, wie hier die Poik zwischen feuchten Felsensäumen strömt.
Die Wände und das Gewölbe des großen Domes sind zwar arm an jenen wundersamen Tropfsteingebilden, welche die Zierde anderer Grottenteile bilden; aber gerade durch dieses Zurücktreten der Einzelformen wirken die gewaltigen Ausdehnungen hinreißend auf die Phantasie.
Im Innersten erregt, schreiten wir die Stufen der westlichen Wand zu einer Naturbrücke hinab, unter welcher die Poik rauschend aus dem Höhlengestein quillt, um ihre im Licht erzitternden Wasser nach doppelt gekrümmtem Laufe bei den Ostfelsen des unterirdischen Münsters wieder in unerforschte Höhlenschachte einzusargen.
In den verborgenen Wasseradern und in den Tümpeln der Grotte lebt ein seltsames Tier, ein spannenlanger, aalähnlicher Lurch von farblosem oder hübsch rosa angehauchtem Leib, mit vier zierlichen Beinchen und noch viel zierlichern, roten Kiemenbüscheln, der Olm. Der lichtscheue, kleine Geselle kommt nur etwa nach langem Regenwetter und am häufigsten in der mit der Adelsberger in Verbindung stehenden Magdalenengrotte zum Vorschein, hat aber den Gelehrten schon viel zu reden gegeben; denn er ist einer der Hauptzeugen für die Darwinsche und Häckelsche Anpassungstheorie. Sie haben ihn mit dem Namen des Proteus belegt, da er wie dieser sich verwandeln kann. Je nachdem er in tiefem oder seichtem Wasser lebt, ist er Kiemen- oder Lungenatmer, gewissermaßen also Fisch oder Vogel. Ein Führer, der uns in einer Wasserflasche ein solches Tierchen zeigte, behauptete, daß es jahrelang ohne Nahrung lebe.
Jenseits der Naturbrücke, welche über die Poik führt, steht, damit wir ja nicht vergessen, daß wir, wenn auch im Berginnern, doch immer noch im loyalen Österreich sind, ein Denkmal, das in den devotesten Ausdrücken der Untertanenehrfurcht die Erinnerung an Franz I. feiert, der den großen Dom im Jahre 1816 besucht hat, und wandern wir auf einer künstlich in die Felswand eingesprengten Galerie dem Hintergrunde der Halle zu, wo bei einem zweiten Monument die Ferdinandsgrotte anhebt, so stehen wir gar vor dem Polsterwagen einer Schiebbahn, mit der bequeme Grottengäste von den Wächtern etwas mehr als anderthalb Kilometer weit bergeinwärts gestoßen werden können.
Man kann darüber, wie weit die Technik, ohne den guten Geschmack zu verletzen, ein Naturschönes zu Bequemlichkeitszwecken antasten darf, verschiedener Meinung sein. Man mag die hübsch geebneten Wege, welche die frühern Treppen und holperigen Steige der Grotte ersetzen, das herrliche elektrische Bogenlicht an Stelle einer unruhigen Fackelbeleuchtung über alles Lob angenehm finden, ohne zugleich diese Schiebbahn, die denn doch nur einem winzigen Teil der Adelsberger Gäste wirkliches Bedürfnis ist, für eine glückliche Schöpfung ansehen zu müssen.