Dieses abgeschiedene Gelände aber war noch öde und leer. Da kamen andere Werkmeister, kleine, aber nicht verachtungswürdige. Es waren die vom Bergrücken durch das Gestein hinunterkriechenden Wassertropfen, ganz gewöhnliche Wassertropfen. Einer lief dem andern nach, und jeder brachte eine kleine Ladung Kalk auf dem Rücken. So damals, so vor einer Jahrmyriade, vor einem Jahrtausend, vor einem Jahrhundert, so gestern, so heute. Einer hat sein Körnchen Kalk hübsch zu dem Körnchen seines Vorgängers gelegt, und alle die Dinge wurden, wie sie nun sind: die Pforten, die Hallen, die Obelisken, die Säulen, die Zacken, die Bäume, die Falten, die Tierfiguren und die Menschengestalten.
Fast im Hintergrunde des Höhlenlabyrinthes ist eine schauerlich zerklüftete Nebengrotte, der Tartarus. Da sind die kleinen Arbeiter noch nicht fertig mit ihrem Werk; da sieht man sie noch an der Arbeit. Von der Decke einer 19 Meter hohen Halle fällt ein Wasserfaden auf einen Stalagmitkegel. Aus dem Becken des rötlich glänzenden Steines spritzen perlende Wassertropfen heraus und rieseln über den Kegel nieder. Durch ihre Kalkablagerungen wächst der Tropfbrunnen allmählich zur Decke empor.
Allein der Stein wächst langsam, man sagt in dreizehn Jahren einen Millimeter, in tausend Jahren nicht einmal einen Meter. Da die höchste Säule zehn Meter über den Höhlengrund steigt, so muß sie also über zehntausend Jahre alt sein.
Zehntausend Jahre! Und als vor sechzig Jahren mit rauchenden Fackeln und klopfenden Herzen die Menschen in das Labyrinth von Adelsberg eindrangen und wenn sie heute von ferne her in die Höhle kommen, so halten sie verwundert den Atem an. »Hat hier nicht ein unterirdisches Volk gelebt und unsere Dinge nachgeahmt?« rufen sie verwundert aus. »Steht dort nicht noch der Thron, auf dem sein König gesessen? Dort hängt noch das Bild der Maria mit dem Kinde in der Nische, vor dem sie betend gekniet. Dort ist die Wiege, worin es seine Kinder gewiegt; dort stehen die Särge, worin es seine Toten gebettet. Auch die Kannen, aus denen es getrunken, sind noch da und das Handwerkszeug, mit dem es gearbeitet. Noch hangen an den Decken die Felle des Gerbers, die Linnen der Waschfrau; hier ist das Zelt, unter dem es gerastet, dort die Dorfkirche, in der es den Sonntag gefeiert; es fehlt nicht die Orgel und nicht der Beichtstuhl; es hat also auch gesündigt, dieses Höhlenvolk! Und geliebt wohl auch! Denn was sollten sonst die lauschigen Erker, die stillen Wälder! Jene vermummten, klagend vorgebeugten Gestalten, sind es nicht die letzten der Höhlenbewohner? Vielleicht, wenn man den Stein behutsam losschälte von den armen Leuten, wer weiß, fände man einen Leib mit warmem Blut, mit einem pochenden Herzen. Vielleicht könnte man eine verzauberte Seele erlösen!«
Es ist wunderbar, was für geheimnisvolle Bildwerke die sickernden Wassertropfen im Schleier ewiger Nacht gebaut!
Und Bewohner hat diese Märchenwelt wirklich gehabt. Zwar nicht menschliche Troglodyten, aber den plumpen, zottigen Höhlenbär. Wo sich die Ferdinandsgrotte zu einem hohen gotischen Münster weitet, hat man im Boden seine Knochen gefunden. Jetzt dient das Bärenlager der Vorzeit als Tanzsaal. Am Pfingstmontag, wenn das Grottenfest gefeiert wird, fünftausend Menschen durch die Tropfsteinhallen und Gänge wogen, dann ziehen heitere Klänge hier brausend, dort fern verklingend durch das stille Reich, und in dem weiten Raume reigt junges und altes Volk; am Sonntag Trinitatis aber ist hier Gottesdienst.
Ich möchte nicht tanzen in dieser Halle; ich möchte darin auch keine Predigt hören; am liebsten würde ich, ein stiller Bürger des Hades, einsam und ungestört die Tropfsteingewächse entlang schreiten; denn einem einfachen Gemüte gehen im Alleinsein die schönsten Erkenntnisse auf. Wirklich war ich ein paar Dutzend Schritte hinter der Karawane zurückgeblieben, um mich ungestört meinen Betrachtungen hinzugeben. Allein ich hatte meine Rechnung ohne die Grottenwächter gemacht, die in einiger Entfernung der Wandergruppe folgten und die Kerzenlichter auslöschten, da immer nur der Teil der Grotte erleuchtet ist, wo sich die Grottenkarawane bewegt.
»Vorwärts, vorwärts, junger Herr!« mahnte ein gutmütiger Alter. »Sie könnten sich so verirren, daß wir selber Sie nicht mehr fänden.«