Ich lächelte; aber er hatte recht. Es gibt in der Unterwelt von Adelsberg Nebengrotten, die noch nicht gangbar gemacht worden, zum Teil noch nicht einmal gründlich erforscht sind; wo, geriete ein Wanderer durch einen unglücklichen Zufall hinein, vielleicht erst nach Jahren ein Wagehals oder ein Forscher die gebleichten Knochen des armen Verirrten fände; denn kein Ariadnefaden führt aus diesem Labyrinth heraus.

Warum hat man diese nicht wegbar gemacht? Wohl aus Kostengründen, wohl auch, um in Zukunft mit ihrer Erschließung den Ruf der Grotte wieder neu zu beleben. Wer jetzt durch dieselbe geht, wird es nicht bedauern, daß ihm einige Räume entzogen bleiben; denn man sieht auf der dreistündigen Wanderung so unendlich viel des Schönen, Sonderbaren, Fremden und Phantastischen, daß auch das Auge des Unersättlichsten satt dieser Steintollnis wird.

Die letzte Halle der Kaiser Ferdinands-Grotte ist das »Grab.« Bei einem versteinerten Springbrunnen, einer Ruine und einer Hieroglyphensäule stehen die vertropften egyptischen Mumien.

Da teilt sich die Grotte in zwei, die Franz-Joseph- und Elisabeth-Grotte zur Linken, die Maria-Anna-Grotte zur Rechten. Sie treffen sich tiefer im Berginnern wieder. Wir schritten durch diejenige zur Linken ein und gingen später durch diejenige zur Rechten hinaus.

In der Franz-Joseph- und Elisabeth-Grotte brechen viele rosig überhauchte Tropfsteine aus blendend weißen Wänden hervor; überraschend schöne Steinfalten hängen durchschimmernd an den Decken; in einer diamantenfunkelnden Kammer liegt unter einer Trauerweide eine schlafende Jungfrau, und an der Decke hängt über ihr das Damoklesschwert.

In der Maria-Anna-Grotte ist der Leuchtturm von Triest, der Dom von Mailand und vielleicht das berühmteste Stück der ganzen Adelsberger Unterwelt – der Vorhang. Man traut seinen Augen kaum! Drei Meter lang und einen Meter breit hängt dieses wunderzarte, schimmernde Gebilde von nur acht Millimetern Dicke aus der Wand und prangt mit feinem, durchsichtigem Faltenwurf und einer braun und rot gestreiften Einfassung von überraschender Natürlichkeit, als wäre es eine Stickerei von kunstfertiger Frauenhand.

Wo sich die beiden Grotten wieder vereinen, treten wir in eine Trauerhalle von schwarzbraunem Gestein, und nun führt der Weg an kristallenem und elfenbeinernem Bilderschmuck hinauf zum letzten der ungeheuern Dome, hinan zum Kalvarienberg.

Was soll ich von ihm sagen? – 58 Meter hoch und 200 in der Weite wölbt sich die Halle über einen 41 Meter hohen, an die Nordwand anlehnenden Hügel. Über einen Bergsturz steigt man an acht wunderlichen Kolossen vorbei auf die Spitze, wo die Arche Noah ist. Da übersieht man eine kleine Landschaft.

Es ist eine ewig geheimnisvolle Welt von vertropften Gebilden. Funkensterne glitzern an Statuen; blau und rote Flämmlein zucken zwischen den Bildwerken auf, und kein Menschengedanke wird klug aus dem düsterschönen Rätsel. Ist's ein versteinerter Wald? Ist's ein mit halbzerstörten, verwitterten Denkmälern übersäter Kirchhof oder der zu Stein erstarrte Zug des Volkes auf die Höhe von Golgatha?

Zum Glück hatte ich nicht Zeit, den Faden dieser Gedanken weiter zu spinnen. Die Führer mahnten zum Aufbruch; sie wußten, daß man die Leute nicht zu lange auf die melancholischen Gruppen des Kalvarienberges darf schauen lassen. Schneller als wir gekommen, schritten wir bergab, bergauf, zurück durch die Grottenhallen.