Als Jaberg gegangen war, wandte er sich an die Mutter: »Was braucht Uli als künftiger Schmied Gymnasialbildung! Ich fürchte, die Schule verdirbt ihn bloß für die Arbeit.«
»Ist es denn nötig, daß alle unsere vier Buben wieder Schmiede werden? Genügt es nicht, daß du Friedrich nach Winterthur in die Lehre gegeben hast?« ereiferte sich die Mutter. »Gibt es denn wirklich ohne Handwerk kein Glück in der Welt, und beleidigen wir nicht Gottes Vorsehung, wenn wir Uli ein Tor verschließen, das sich ihm ohne unser Dazutun aufgeschlossen hat?« Die zarte, schwarzhaarige Frau wehrte sich für die Jugendrechte des Knaben wie eine Löwin für ihr Junges, und Meister Junghans, der sonst sein Wort als unanfechtbar und unwiderruflich betrachtete, fand an ihren kampfbereiten Augen Wohlgefallen. »Du kleines Weib, was verstehst denn du von den Dingen der Welt! Uli hat mich nun einmmal durch seinen Flug in die Brombeerstauden erschreckt.« Die tapfere Frau rief den Pfarrer zum Bundesgenossen auf, und Tappoli, der sich an allem freute, was der Spießbürgerlichkeit und dem staubigen Alltag zuwiderlief, brachte Ulrich auf das Konstanzer Gymnasium.
So nahm die törichte Fliegerei für den Knaben doch noch ein gutes Ende.
3
Ulrich wohnte mit Gerold und dessen Vater in dem Schlößchen, das mit vier großen Pappeln vor dem Giebel auf der Höhe von Kreuzlingen steht und über Konstanz, den Bodensee und den Rhein hinausblickt. Jeden Morgen wanderten die Freunde mit ihren Büchern hinab in die Stadt. Gerold, der wohl wegen des Adelstitels, aber auch wegen seines liebenswürdigen Wesens von den Mitschülern viel umworben war, hielt mit niemand treuere Freundschaft als mit dem Gespielen von Eglisau, der, aus härterem Stoff geschaffen, die größere geistige Spannkraft besaß und in seinen Gedanken tiefer grub. Der junge, weichgeartete Edelmann, der nur durch eine rührende Pflichttreue und hingebenden Fleiß mit dem begabteren Freunde Schritt zu halten vermochte, sah ihn oft mit leistraurigem Lächeln an. »Gott, wär' ich so frisch und stark wie du! Mein Vater hat wohl Recht, wir leiden unter dem alten Blut.«
In der feinen Seele Gerolds wohnte aber noch ein Schmerz, über den er nicht sprach, den Uli jedoch ahnte: das Leid darüber, daß sich die Eltern geschieden hatten. Jedes Jahr zweimal verbrachte er die Ferien bei der Mutter, die auf einem Gute bei Lübeck in ihrer Heimat lebte. Dann kam er jedesmal etwas bedrückt an den Bodensee zurück. Was war es für ein herbes Knabenlos, die Mutter zu entbehren, wenn er beim Vater weilte, den Vater, wenn er bei der Mutter zu Besuch war! Er liebte beide zärtlich. An diesem Zwiespalt lag es wohl, daß aus seinem sonst rüstigen Wesen stets etwas wie ein stummes Leiden sprach.
Desto mehr fühlte Uli sich verpflichtet, Gerold ein herzlicher Kamerad zu sein, und durfte sich getrösten, daß er die Wohltaten, die ihm Doktor von Jaberg in väterlichem Wohlwollen erwies, an den Freund nach bestem Vermögen heimzahle. Er verlebte auf dem Schlößchen zwei schöne Jahre, und als die hellsten Lichter darin erschienen ihm die Wandertage, an denen sie mit Vater Jaberg die Gestade und Städtchen des Bodensees und des Oberrheins durchstreiften. Aus der Wärme seines Wesens und der Fülle seines Wissens plauderte der Gelehrte mit ihnen. »Mir ist der Bodensee ein Heiligtum, ein Urherd menschlicher Kultur, die Stätte, an der sich die frühesten Schicksale Mitteleuropas begeben haben.«
Für seine Studien hätte er sich keinen eifrigeren Schüler wünschen können als Ulrich. Und der Junge nährte nur den einen Wunsch, daß ihm das Leben stets so freundlich gesinnt bleiben möge wie in den Konstanzer Tagen.