Als er sich dabei überraschte, lag ihm aber vom letzten Besuch im Elternhause her schon ein tiefer Kummer in der Brust. Der Vater war an einem hartnäckigen Husten erkrankt, die Backenknochen stachen ihm unheildrohend hervor, er fiel aus den Kleidern, und sein schöner blonder Bart begann bereits zu ergrauen.

Bald besuchte Ulrich die Eltern wieder. Da fand er den Vater, der bis dahin aus lauter Liebe zu den Kindern in den Fragen der Erziehung fast zu streng gewesen war, plötzlich von einer Milde, die ihn erschreckte. In einem Zug tat ihm das veränderte Wesen, die herzliche Güte des Leidenden wohl und weh.

Als er den Eltern gute Nacht bot, hielt ihn die Mutter zurück. »Wir haben mit dir Ernstes zu sprechen, Uli. So sehr wir die Güte des Herrn von Jaberg gegen dich schätzen und uns deiner vortrefflichen Zeugnisse freuen, so kann von deinem Gymnasialbesuch doch nicht weiter die Rede sein. Du mußt in die Werkstatt treten und den Vater entlasten. Wir haben uns lange gegen den Gedanken gesperrt und Friedrich heimrufen wollen, aber sein Meister gibt es nicht zu. Also müssen wir uns an dich halten. Wie schmerzlich es dir sein mag, armer Bub, so kennst du nun deine Pflicht! In einer so großen Familie wie der unsern muß eins dem andern helfen und Opfer bringen. Und du hast ja nicht nur den hellen Kopf für die Studien, sondern auch die ebenso geschickten Hände für die Arbeit. In Gottes Namen füg dich drein.« Der blasse, hüstelnde Vater nickte. »Ja, so ist's leider, Uli. Ich hätt's dir besser gegönnt!«

Dem Knaben verschlug die elterliche Eröffnung die Sprache. Im Bett weinte er still und heiß. Es war ihm unendlich schwer, den Traum aufzugeben, daß er sich ähnlich wie Doktor von Jaberg den Wissenschaften widmen könne und sein Name einmal von den Erfolgen einer gelehrten Laufbahn umglänzt werde. Ihm war, diese Nacht lege seine Jugend in Trümmer, eine blühende Welt, deren Schönheit er erst jetzt begriff, da sie für ihn unterging. Am Morgen jedoch trat er gefaßt vor die Eltern: »Also werde ich Schmied und kehre bloß nach Konstanz zurück, um mich von Gerold und seinem Vater zu verabschieden.«

Die Aussprache mit diesen beiden ging leichter, als er sich gedacht hatte. »Auch bei uns liegen Pläne vor, die tiefer in mein Leben eingreifen,« erzählte ihm Gerold. »Die von meinem Vater kürzlich veröffentlichten ›Wanderstudien aus der Vorgeschichte des Bodensees‹ haben ihm mancherlei Anerkennung eingetragen. So die Einladung der mit reichen Mitteln ausgerüsteten Prähistorischen Gesellschaft in Kopenhagen, daß er zur Heranbildung junger dänischer Forscher in Jütland und auf den benachbarten Inseln ähnliche Untersuchungen alter Kulturreste und Denkmäler veranstalte wie am Bodensee. Der Antrag lockt ihn; es gibt dagegen nur das einzige Bedenken, daß ich mich wegen meines Bildungsganges von ihm trennen muß. Ich habe ihm aber gesagt, daß ich gern wieder eine Weile bei meiner Mutter leben würde. So wird es wohl kommen, vom stillen Gut Mecklenhof aus werde ich das Gymnasium in Lübeck besuchen und meinen Vater, der dem dänischen Ruf folgt, nur noch dann und wann sehen. Ich habe mir über diese Wendung deinetwegen Gedanken gemacht, Ulrich. Ich wollte dich einladen, mit mir in den Norden zu ziehen; doch ein Schweizer Junge würde es dort oben vor Heimweh kaum aushalten. So bitter für uns das Scheiden ist, – das Schicksal, das dich in die Werkstatt zwingt, erleichtert es mir, vom schönen Konstanz hinwegzugehen. Im übrigen werde ich gelegentlich wohl wieder in die Gegend kommen. Und wir bleiben Freunde.«

Herzlich waren auch die Abschiedsworte des Doktors: »Ulrich, wenn du je im Leben Anstoß findest und weißt nicht, wo aus und ein, so wende dich an mich.«

An kühlem, sonnigem Morgen gab Gerold dem Schulgenossen das Geleit über die Höhen am Untersee. Stahlblau lag das Gewässer im Frühlingsfrieden und der unendlichen Stille des weitgespannten Himmels. Zum erstenmal und wohl unter dem Eindruck der bevorstehenden Trennung sprach er ausführlich von seinen Eltern. »Beide sind so herrliche Menschen, daß ich nicht weiß, wen höher stellen, Vater oder Mutter. Sie sind aber zu weit auseinander geraten, als daß sie sich je wieder die Hände reichen könnten. Die Mutter, eine groß und lebhaft begabte Frau, mochte ohne das gesellschaftliche Leben der Städte nicht auskommen. Die schonungsbedürftigen Nerven des Vaters ertrugen es nicht. Darüber entstand unter den Gatten Streit. Die Mutter trotzte und verlebte einen Winter allein bei Freunden in Berlin. Dort lernte sie einen berühmten Sänger kennen; es ereignete sich, was den Vater zur Scheidungsklage bewog. Seither leben sie beide einsam. Und ich, das Kind ihres ersten Jahres, bin das zwischen ihnen hin- und hergeworfene Opfer.«

Gerold schwieg, erst nach einer Weile setzte er hinzu: »Warum ich davon sprach, Ulrich? – Ich meine, du solltest nicht so furchtbar traurig sein über die Wendung in deinem Leben. Du hast doch Eltern, die einig sind!«

Ulrich war es, das Herz Gerolds sei dem seinen noch nie so nahe gewesen wie in dieser Stunde. Sie versprachen sich, wie weit das Leben sie jetzt auch auseinander führe, miteinander einen Briefwechsel zu unterhalten, und unvermerkt waren sie auf ihrer Morgenwanderung über die Höhen nach dem Schlößchen Arenenberg gekommen. Sie plauderten nicht mehr, sondern hielten stille Ausschau über das liebliche Gelände, über die von blauen Wassern eingefaßte Insel Reichenau, die anmutigen Burgenhügel des Hegaus, und der letzte Blick Ulrichs hing an dem aus breiter Ebene ragenden Konstanzer Münster. Er wußte, die Tage, die er im Bannkreis des ehrwürdigen Bauwerks verbracht hatte, würden zu den schönsten seines Lebens zählen.

Von der Reichenau herüber kreuzte der Dampfer, der Augenblick des Abschieds war da. In stummer Erschütterung trennten sich die Freunde.