Die wunderschöne Fahrt rheinab bis nach Schaffhausen und die weite Straße von da nach Eglisau legte Ulrich in düsteren Träumen zurück. Als der Abend über die Giebel hereindämmerte, schlenderte er umschauhaltend die Hauptgasse des Städtchens hinab auf die Rheinbrücke. Die Betglocke läutete. Aus der Kirche traten zwei Mädchen und schauten auf den Strom, das Kind des Mesners, das er stets mit einer plattgedrückten Zwetschge verglich, und neben ihr Nick, die von jeher gern beim Läuten half. Bei ihrem Anblick ging ihm ein Stich durchs Herz, er hätte ihr Grüße von Gerold bestellen können, aber er dachte: »Bah, der Flattervogel!« und ging mit mürrisch-linkischem Gruß vorüber. Er brachte aber das Bild der Zwölfjährigen lange nicht mehr aus dem Sinn, die dunkeln Blitzaugen, die langen Wimpern, das weiche, krause Haar, das sich kaum bändigen ließ, die roten Wänglein und die noch viel rötern Lippen. Er suchte es zu vertreiben, indem er an die vielen hübschen Mädchen dachte, die er in Konstanz gesehen hatte, sein Herz aber schrie: »Schöner als Nick ist keine!«

Um sechs Uhr am andern Tag stand er in einem von Friedrich zurückgelassenen Lederschurz neben dem Altgesellen Thomas und dem jungen Sebastian, einem recht geschickten Arbeiter, doch lockern Vogel, in der Werkstatt.

Er konnte kaum mehr als Lehrjunge gelten. Die selbständige Herstellung eines dreiteiligen Taschenmessers mit Klinge, Säge und Ahle war ihm schon aus den Knabenjahren her ein geläufiges Spiel. Nur ein paar Schläge auf dem kleinen Amboß, und von dem im Kohlenfeuer rotglühend gemachten Stahlband fielen bereits Klinge um Klinge, ebenso Ahle um Ahle, Sägeblatt um Sägeblatt, Feder um Feder, Platine um Platine, die Bleche für die Fächer des Messers. Rasch formten sich ihm die Bäckchen, die versilberten Kleinstücke, die das Heft vorn und hinten einfassen, und dieses selbst, aus einem Kuhhorn geschnitten und zwischen Holzzangen geradegepreßt. Der Bohrer quirlte, der Niethammer schlug, – das Messer war zusammengestellt; und was daran noch roh, matt und unvollkommen erschien, das erhielt am surrenden Schleifstein und auf den Schmirgelscheiben jenen Glanz, die Glätte und Feinheit, mit der ein neues Stück in der Auslage lockt.

Nicht minder leicht liefen ihm Sensen und Scheren aller Art aus der Hand; er besaß die spitzen Finger des Vaters, die von selber zweckmäßig und sicher tasteten, griffen, hantierten, und das Gefühl für die Genauigkeit des Schaffens. Die Arbeit aber verrichtete er mit einer solchen Trockenheit und Verbissenheit, daß den andern die Lust zu Gesprächen mit ihm verging. Indessen verstanden sie sein unliebenswürdiges Wesen und trugen es ihm nicht weiter nach. Der Vater freute sich aufrichtig seiner zähen, wenn auch mürrischen Tüchtigkeit und übersah das Gedrückte in seinem Wesen.

Die Mutter blickte tiefer in Ulrichs Seele. Als er an einem Regensonntag gelangweilt in der Stube saß, fragte sie: »Warum langst du denn nie mehr zu deinen Gymnasialbüchern? Du könntest doch für dich selber manches daraus lernen!« »Ich habe sie auf der Esse verbrannt,« erwiderte er finster. Da wußte sie, wie es um ihn stand. Sie lächelte ihm aber zu: »So furchtbar traurig solltest du nun doch nicht sein. Wie sind der Vater und ich deiner Hilfe froh! Wenn wir schon fast nicht wissen, woher das Geld nehmen, haben wir doch den Plan, daß er zur Heilung seines Hustens etliche Wochen in die Berge gehen soll. Das dürfen wir nur wagen, weil du dich so tapfer in die Stränge stellst!«

Und als der Vater dann verreiste, lief das Geschäft auch ohne ihn. –

Im Hochsommer überraschte Gerold von Jaberg den Schmied mit seinem Besuch. »Jung Siegfried war ein stolzer Knab'!« rief er dem Freunde zu, der vom Feuer der Esse umsprüht, von Qualm und Dampf umwirbelt vor einem Steinbecken stand, in dem er ein paar weißglühende Eisen kühlte. »Ich kann dir die Hand nicht reichen,« erwiderte Ulrich, »aber in einer Viertelstunde bin ich zu deiner Verfügung.« Er warf sich in den Sonntagsstaat und versäumte Gerold zu Ehren ein paar Stunden der Arbeit. Sie schwärmten hinaus nach den drei einsamen Föhren der Grenze und dem Heidenbühl und blickten von dort miteinander ins Hochgebirge, das Gipfel an Gipfel, Haupt an Haupt, ein geheimnisvoll leuchtender Silberkranz im fernen Süden stand.

Gerold erzählte ihm, daß sein Vater nun tatsächlich nach Dänemark und er selber in die Gegend von Lübeck übersiedeln werde und sie schon morgen abzureisen gedächten. In einem ländlichen Gasthaus hielten die Freunde Einkehr, und so lieb nun dieser letzte Besuch Gerolds gedacht war, merkte Ulrich doch, wie die Augen des jungen, schönheitssinnigen Edelmannes verlegen und mißbilligend auf seinen Werkhänden ruhten, auf den vom Feuer und kalten Wasser herrührenden Rissen, aus denen sich der Ruß auch mit Seife und Bürste nicht entfernen ließ. Er war zu stolz, sich zu entschuldigen, wurde aber über den Blicken Gerolds selber verlegen und fühlte, wie ihre Wege nicht nur nach den äußeren Schicksalen, sondern auch nach der seelischen Entwicklung auseinanderliefen: der seine hinein in die derbe Arbeit, derjenige Gerolds in die geistige Verfeinerung. Fast still legten sie den Weg ins Städtchen zurück.

So kam, von keinem gewollt, das Ende der schönen Knabenfreundschaft, und ein paar Briefe, die sie später noch wechselten, waren nur der Ausklang der gemeinsamen Jahre.