»Niemals!« fuhr Meister Martin empor. »Niemals!« wiederholte Frau Elisabeth wie ein Echo. »Nein, wir geben kein Kind in ein Gasthaus. Bemüht Euch nicht weiter.« In ihren Gesichtern stand die Entrüstung über das Ansinnen.

»Ich war auf diese Ablehnung gefaßt,« erwiderte Weriker unbeirrt. »Herr Pfarrer Tappoli, der nie nach Zürich kommt, ohne in die Meise zu schauen, hat mir zuerst den Namen Eurer Tochter genannt, aber mich auch auf Euren Widerstand vorbereitet. Doch wollte ich das Mädchen einmal sehen. Nun hat ihr Eindruck meine Erwartung übertroffen. Eure Marie ist gerade das, was ich bedarf: ein gesundes, rechtschaffenes Wesen, rasch von Verständnis, anmutig, doch nicht auffallend von Gesicht. Das brave, einsichtige Landmädchen, das in ein Zunfthaus taugt.«

»Wenn wir aber nicht wollen!« grollte Meister Martin. »Zu jedem Handel müssen doch zwei sein.« »Darüber jetzt ein Wort,« versetzte Weriker ruhig und zäh. »Es gibt genug reiche Bauern und Müller, die mir noch ein stattliches Geld zahlen würden, wenn ich ihre Töchter nur in meine Stuben aufnähme, aber daraus habe ich mir nie ein Geschäft gemacht, sondern stets die Mädchen gewählt, wie sie sich für mein Haus eignen. Warum würden Bauern und Müller noch gerne Geld bezahlen? Meine Frau und ich halten unsere Aufwärterinnen wie eigene Töchter. Im Umgang mit unsern Gästen erlernen sie Lebensart, erwerben sich gute Formen und hören auch manches Ernste, was sie bildet. Liebeleien gestatten wir aber nur, wenn wir überzeugt sind, das Mädchen finde dabei sein Glück. Das ist der alte Ruf der Meise. In den vielen Jahren, da ich auf der Zunft sitze, ist noch jede zu einer guten Heirat gelangt und hat, wenn sie aus dem Haus trat, bereits eine schöne Aussteuer besessen. Die besorgen unsere Stammgäste, die grundsätzlich kein Trinkgeld geben, statt dessen aber für die aufwartende Tochter ein Sparkassenheft führen. Und so sage ich bloß: Stellt Euch der Marie nicht in den Weg für ihr künftiges Glück, denkt an die reichen Bauern.«

Junghans und seine Frau blickten sich fragend an. Der Vorschlag Werikers ließ sich doch hören.

»Also überlegt's Euch, Meister und Frau,« versetzte er selbstsicher. »Ich fahre jetzt nach Schaffhausen und Hallau, dann komme ich wieder und bitte um Eure Antwort. Die Angelegenheit drängt etwas, die Tochter, die durch Marie ersetzt werden soll, will heim, sie ist mit einem angesehenen Handelsmann verlobt.« Als er gegangen war, setzte sich das Ehepaar ratlos an den Tisch, Meister Martin das Kinn in der Hand. Marie aber glänzten die Augen auf und blühten die Wangen. »Ja, Vater, ja, Mutter, ich will! Mir schien es schon lange ein Unrecht, daß ich Euch nicht verdienen helfe. Quält Euch nicht mit Befürchtungen. Ich weiß, was ich Euch schuldig bin.« Und mehr als ihr Mund sprach ihr braunes, lieblich ernstes Gesicht, das leichtsinniger Gedanken nicht fähig war.

Meister Martin besprach sich mit Pfarrer Tappoli und nahm den Weg nach der Stadt unter die Füße. Als er am Abend todmüde heimkam, erzählte er: »Für Marie und uns ist wirklich das Glück zum Dach hereingefallen, daß sie auf dem Zunfthaus dienen darf.«

Sie fand dort ihr Brot.

Ulrich aber sah in der Ferne schon die Zeit seiner Wanderschaft vor sich und freute sich darauf, ohne recht zu wissen warum. Er durchstreifte, allerdings nur auf der Karte, die Länder Europas, Osten und Westen, Norden und Süden, fuhr bald den Rhein oder die Donau hinab, oder zog über den Gotthard nach Italien, oder über den Jura nach Frankreich hinein. Oft sprach der Vater mit ihm andeutungsweise, dann offener und klarer über die sittlichen Gefahren der Wanderschaft, über Weggefährten, Herbergen, Gesellenleben und die Versuchungen durch junges Weibsvolk. Obgleich sich Ulrich für einen gescheiten jungen Mann hielt, gestand er sich, daß er doch eigentlich von den verführerischen und schlechten Dingen draußen in der Welt noch wenig wisse.

Das bekräftigte ihm auch Thomas, der alle deutschen Mundarten durcheinander sprach. »Das Schlechtest aber, was Gott erschaffen hat, das soan's schon d'Weibsleut. Himmi Sakrament, Donnerwetter! Läus' haben ist nichts, aber so' nen weibischen Anhang, den man nimmi losbringt. Schön und liab soans z'erst, aber nahi? – Wenn du der Simson wärst, du kimmst net dagegen an. Die luderige Delila hat dir halt's Haar abg'schnitten, wie's schon in der Bibel steht, die Katz hat si an dei Buckel krallt, und du kannst kratzen und schreien, es hilft dir nichts. Und du bist grad einer, Uli, auf den's Weibsvolk losgeht wie d'Schnackenmucken auf das frische Blut.«

Den jungen künftigen Wandersmann überlief eine Gänsehaut. Wenn er sich aber ruhiger Überlegung hingab, war ihm, er brauche nicht vor den Künsten der Weibsbilder zu bangen. Versuchte ihn eine, so würde er an Nick Tappoli denken, und die andere könnte mit ihrem Zauber gehen.