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Im Pfarrhaus aber war tiefe Sorge eingekehrt.
Im Vorfrühling hatte Tappoli seinen Amtsbruder in Rafz, der einer auswärtigen Beerdigung beiwohnte, vertreten müssen. Regen, Schnee, Graupeln und jagender Sturm überraschten ihn auf dem Weg nach dem entlegenen Dorf, in durchnäßten Kleidern predigte er und kam schlotternd und fiebernd wieder heim. Lungenentzündung! Nach einigen Wochen gab sie sich. Da fuhr der kaum Genesene trotz der Bitten der Seinen zum Sechseläuten nach Zürich, das ihm von jeher am Herzen gelegen hatte. Dort tafelte er, die rote türkische Mütze auf dem Kopf, mit seiner lieben Kämbelzunft[2] bis in den Morgen hinein und hielt ihr eine ausgezeichnet schöne Rede, kam aber wieder schwer erkrankt in das Städtchen zurück. Als er der Familie Junghans einen Gruß von Marie ausrichten wollte, der es gut gehe, hatte er einen Ohnmachtsanfall. Wohl erholte er sich davon, mußte aber einen Vikar bestellen.
[2] Zunft zum Kamel, ursprünglich Handelszunft.
Nur bei einer Hochzeit im Maien waltete er noch einmal selber des Amtes. Der Bräutigam war Doktor Felix Hartmann von Eglisau, der es in Magdeburg als Arzt zu großem Ansehen gebracht hatte, die Braut eine geborene polnische Gräfin Livia Schimanoska.
Da es sich um so vornehme Gäste handelte, die zudem im Pfarrhaus einen Imbiß einnehmen sollten, war auch Nick mit heißer Seele bei der Begebenheit. Schon festlich geschmückt drängten sie und Julie die Gesichter an die Fenster, um die Wagen aus der Brücke anfahren und das Paar die mit Teppichen belegte Treppe hinauf in die reich mit Blumen geschmückte Kirche gehen zu sehen. Besonders auf die junge Frau setzten sie große Erwartungen, auf die Gräfin, die einen Fürsten hätte heiraten sollen, aber mit dem Arzt entflohen war und nun in der Fremde, verlassen von den Ihrigen, den großen Schritt des Lebens unternahm.
Zu ihrem Leidwesen dauerte der Hochzeitsbesuch im Pfarrhaus nur eine Stunde. Dann erhoben sich die Gäste und warfen sich in Reisekleider. Nick aber war es, an diesem Tag habe sie die Romantik, das Märchen des Lebens berührt, und lange noch sannen und spannen ihre Gedanken um die schöne Begebenheit. Ein paar Jährchen noch, dann würde auch sie den Myrtenkranz und den zarten Schleier tragen und dem größten Geheimnis des Lebens entgegengehen. Sie durchmusterte die Reihe der jungen Männer, die ihr gefielen, und stieß auf die Gestalt des Messerschmiedes Ulrich Junghans; ihre Sinne aber standen auf einem Mann, der geachtet in der breiten Öffentlichkeit wirkte, und ihre Hoffnungen auf das Glück der Welt waren nicht klein.