Vor dem im Dämmerlicht stehenden Pfarrhause fiel Ulrich aber der Mut doch fast in die Schuhe, seine feste Hand zitterte ein wenig, als er die Glocke zog. Aus dem Oberstock steckte Nick selber den Krauskopf heraus. »Sie sind es, Herr Junghans!« Er fühlte sich etwas befremdet von der Anrede. Warum hatte sie nicht gesprochen: »Du bist es, Uli?« Nun aber kam sie mit leuchtenden Augen die Treppe herunter und streckte ihm freimütig die Hand entgegen. »Sie bringen mir gewiß Neuigkeiten von Marie. Wie geht es ihr?« damit führte sie ihn in die gemütliche Stube hinauf, um deren Fenster sich eine Asklepia mit dunkelgrünen Blättern und großen, roten Blumenglocken rankte.
»Von Marie weiß ich nichts Neues,« stotterte er. »Ich komme in eigener Angelegenheit zu Ihnen, Fräulein Tappoli. Der Fahrverein …« »Ja, der soll zu Ihren Ehren eine schöne Frühlingsfahrt planen –« nahm sie ihm lebhaft das Wort aus dem Munde.
Da trat gerade die Pfarrerin herein, die wie die Tochter in einfachem Schwarz ging, und ihre Gegenwart kam Ulrich eben recht. Er brachte sein Anliegen vor.
Die überraschte Nick wechselte mit der Mutter einen Blick; der Wunsch, an der Fahrt teilzunehmen, stand ihr im Gesicht. Unbedenklich antwortete die Pfarrerin: »Wie bald müssen wir vielleicht das Städtchen verlassen, und es ist kaum zu denken, wie wir an einem Ort leben, an dem wir den Rhein nicht mehr sehen. Nimm also die freundliche Einladung des Herrn Junghans nur an, so wirst du eine schöne Erinnerung an den Strom deiner Jugend mehr haben.«
Da freuten sich Ulrich und Nick, die Frau Pfarrer aber ging und ließ sie allein.
»Ich habe eben das Zimmer für einen Verweser gerichtet,« plauderte Nick. »Was ist unser Haus für ein Taubenschlag geworden! Jetzt hat aber die Kirchenpflege beim Antistes Vorstellung erhoben, wie das religiöse Leben der Gemeinde gelitten habe. Der würdige Vorsteher der Landeskirche hat der Behörde nun schon auf nächsten Sonntag einen Geistlichen in Aussicht gestellt, von dem er des Lobes voll ist. Der Verweser heißt John Wildholz, es ist ein in Indien geborener Schweizer.«
»Wenn der unsere leere Kirche sieht!« versetzte Ulrich. »Und am nächsten Sonntag wird sie wegen unseres Ausfluges noch leerer sein als sonst.«
»Gott, wie freue ich mich auf die Fahrt!« jubelte Nick. Sie zerlegte ihm mit leichter Hand einen Lederapfel. »Nicht wahr, die Früchte haben sich wundervoll erhalten?« Ihr Gespräch trug nun doch das Gepräge schöner Kameradschaftlichkeit. Auch von ihm war das Gefühl der Enge gewichen. Nach einer Weile kam ihm aber zu Sinn, sein Besuch habe lang genug gedauert, und er wollte aufbrechen. Sie jedoch hielt ihn zurück und fragte ihn mancherlei wegen seiner Wanderpläne. »Was hat es ein junger Mann so schön,« rief sie, »und ich Ärmste muß einen schrulligen Verweser nach dem andern hüten!« Als er ging, leuchtete sie ihm mit einer Kerze bis unter die Haustüre und drückte ihm mit einem lieblichen Lächeln die Hand. Da zuckte die seine in der ihren.
Er mochte noch nicht auf seine Kammer gehen. Glückselig stand er am Rhein. Leis sang der Strom sein Lied, und über den dunkeln Giebeln wandelten die Frühlingssterne. Er trat auf die Brücke und lehnte sich in ein Fenster der Holzverschalung. Was sein erregtes Blut wünschte, rauschten die Wellen: »Sie liebt dich! Sie wird dir kein Nein geben, wenn du sie um ihre Hand fragst. Und wenn sie ihr Ja spricht, so wirst du nicht drei Jahre in der Fremde bleiben. Nur zwei! Nein, auch das wäre noch zu lang. Nur eines!« – »Nick – Nick,« rauschten und sangen die Wellen. »Monika Tappoli – Monika Tappoli!« Er hatte diesen Abend mit ihr einen guten Anfang gemacht, und ein ebenso gutes Ende dazu würde sich finden. In seliger Spannung brachte er die Woche hin.