Auch Nick lebte in der Vorfreude der Fahrt und rüstete dafür ein weißes Wollkleid. Durch ihre Freude zuckte aber eine kleine Unruhe, die Frage, ob wohl Ulrich Junghans sie liebe. Seine suchenden Augen, das Zucken seiner Hand beim Abschiede ließen es vermuten. Wenn ja, – wie sich dann zu ihm stellen? In der Freundschaft mit der treuherzigen Marie war allerdings stets eine Neigung für den Bruder einhergelaufen, aber von einer Neigung zu einer Lebensliebe war doch noch ein weiter Schritt. Ihr hatte für die Zukunft stets etwas Studiertes vorgeschwebt, oder etwas Stadtzürcherisches wie der Sohn eines Seidenindustriellen, der ihr bei der schönen Hochzeit gegenübergesessen. Auch hatte sie ihrem Vater ja versprochen, daß sie den Namen Tappoli hoch in Ehren halten und nicht billig hingeben werde.
Sie wurde aus sich selber nicht klug, sie sagte sich: »Um mich ernstlich zu verlieben, bin ich noch zu jung; hoffentlich ist Uli auch nur aus Freundschaft zu mir gekommen und denkt selber nicht daran, sich über die Wanderjahre hinaus an eine Liebe in der Heimat zu binden.« Damit wollte sie ihre Sorge hinter sich werfen.
Da kam aber der junge Bauer Rudolf Heller, der zweite Obmann des Vereins, zu ihr ins Pfarrhaus und teilte ihr mit, die Gesellschaft habe beschlossen, dem um den Verein recht verdienten Ulrich Junghans zum Abschied einen Gedenkring zu stiften. »Wir freuen uns so sehr, Fräulein Tappoli,« fuhr Heller fort, »daß Sie bei der Fahrt sind. Wir möchten Sie bitten, Uli den Ring in unserm Namen zu überreichen. Es sieht vornehmer und feierlicher aus, wenn es statt unsereinem ein junges Fräulein tut; und ich bin kein Sprecher.«
Das Blut stieg ihr in die Wangen, der Anreiz des Erlebens ging ihr durch die Seele, und nachdem Heller genug den Hut vor ihr gedreht und um den Dienst gebettelt hatte, übernahm sie das kleine Amt.
Nun mußte sie aber erst recht wieder an Ulrich denken. Noch nie hatte die Gesellschaft einem Mitgliede einen Ring oder sonst ein Andenken geschenkt. Es mußte doch etwas Besonderes an dem jungen Schmied sein. Nun ja! Seit der Verein bestand, war kein so guter Geist, so viel schöner Wille und Eintracht unter den Mitgliedern gewesen wie während des ganzen Jahres, in dem er die Obmannschaft geführt hatte. Darum die Fahrt, dafür der Ring! Wenn er doch nicht nur ein Schmied wäre! Dann wäre ihr gewiß keiner als Freier willkommener als er. –
Der Samstag vor der Fahrt war gekommen, ein herrlicher Frühlingstag. Weiche Lüfte hatten an den Halden des Rheins die Obstblüte geweckt, und die Natur bot bereits ein maienhaftes Bild. Die Mädchen suchten in Feld und Wald Blumen, flochten sie im Schulhaus zu Kränzen und waren eben im Begriff, sie um die drei langen Kähne zu winden, die ein Stück oberhalb der Brücke am Ufer lagen.
Da kam ein Fremder vom Städtchen her, eine hohe Gestalt in schwarzem Kleid, ließ die blaudunkeln Augen forschend durch die Gesellschaft gehen und trat auf Nick zu: »Ich irre mich wohl nicht, daß ich Fräulein Tappoli vor mir habe. Darf ich mich vorstellen? Ich bin John Wildholz, der neue Verweser, und habe von der Frau Pfarrer gehört, daß Sie hier mit den Vorbereitungen für ein Fest beschäftigt sind.« Dunkle Locken umgaben das wuchtige Haupt, sein Blicken und Lächeln hatte etwas ungemein Reines und Hohes.
In die Gestalt Monikas, die sich sonst nicht überraschen ließ, kam etwas Linkisches, und sie mußte die passende Antwort suchen.
Der Mann mit dem leisen skeptischen Zug im Gesicht und den glänzenden, geheimnisvoll tiefen Augen erschien ihr wie ein höheres Wesen. Den andern Mädchen ging es ebenso, die Arbeit stand ihnen zwischen den Fingern still, und von der einen zur nächsten flüsterte sich's: »Der neue Verweser! Was für eine vornehme Gestalt!«
Er bat Monika, ihm ihre Gespielen vorzustellen, die ja seine künftigen Pfarrkinder seien, und hatte für jede ein wohlabgewogenes Wort. »Nun aber lassen Sie sich von mir nicht weiter stören! Ich mache jetzt gern einen Spaziergang den Rhein entlang.«