»Wir sind fertig,« erklärte ihm Nick. »Wenn es Ihnen angenehm ist, begleite ich Sie.«

Dankbar nahm er an. »Der Oberrhein ist mir doch von den vielen Naturbildern, die ich kenne, eines der liebsten,« plauderte er. »Seine Klarheit und Durchsichtigkeit und der gewaltige Wogendrang haben mir schon, als ich noch ein Knabe war, einen unvergeßlichen Eindruck gemacht. Was wird Ihnen morgen für eine prachtvolle Fahrt beschieden sein!«

»Sie aber werden, fürchte ich, gerade wegen des Festes vor einer ziemlich leeren Kirche predigen müssen,« versetzte Nick.

»Ich bin nicht so ehrgeizig, daß ich gleich am ersten Sonntag ein volles Gotteshaus erwarte,« antwortete er schlicht. »Ich will zufrieden sein, wenn ich mir nach und nach das Vertrauen der Gemeinde erwerbe.«

Sie gab ihm einen bewundernden Seitenblick. »Also schon in Ihren Knabenjahren waren Sie an unserm Rhein? Ich vermutete, Sie seien erst vor kurzer Zeit aus Indien in die Schweiz zurückgekehrt.«

»Nein, doch nicht,« erwiderte er. »Ich habe in Zürich und Basel studiert. Und vorher war ich schon mit zwölf und mit siebzehn Jahren in der Heimat, beide Male etliche Monate, und kam schon damals mit der Mutter an den Oberrhein. Sie liebte ihn, wie ihr Geburtsland überhaupt. Auf der letzten Rückfahrt nach Indien sprachen meine Eltern davon, sich nach einiger Zeit endgültig in die Schweiz zurückzuziehen und uns Söhnen die Leitung des blühenden Kaufmannsgeschäftes in Kalkutta zu überlassen. Gott hat es anders gefügt. Zwei Tagreisen vor unserm Ziel geriet unser Dampfer in einen Wirbelsturm, bei rabenschwarzer Nacht ging er unter. Als am Morgen ein anderes Schiff die Unglücksstätte absuchte und die Überlebenden sammelte, waren die Eltern und ein sechsjähriges Schwesterchen Opfer des Unglücks geworden. Wir drei Brüder fanden uns an schwimmenden Schiffsteilen klebend wieder und erreichten Kalkutta. Meine seelische Erschütterung über den Verlust der Eltern aber war so groß, daß man mich gesundheitshalber bei einem Missionar, einem Schweizer namens Eberhard, unterbrachte. Im Verkehr mit ihm beschloß ich, selbst Geistlicher zu werden, und zwar im Dienst der armen, ungebildeten Hindus. Als blutjunger Prediger zog ich durch die weiten Landschaften, fiel aber in den Reisdörfern der Malaria anheim. Da gab es nur eine Rettung: die Schweiz! So bin ich im Vaterland Pfarrer geworden.«

Still ging Nick neben dem Erzähler und lauschte seiner warmen Rede. Dann und wann suchte ihr Blick seine von einer herrlichen Stirne überragten Augen, die, wenn er in sich versonnen ging, einen leis schwermütigen Ausdruck annahmen, sich aber, wenn er das Wort ergriff, in helles Feuer verwandelten. Nein, er war kein Fremder, nach Art und Seele stand er fest auf dem heimatlichen Boden; aber das ferne, fremde Land hatte ihm doch etwas Besonderes gegeben, einen geheimen Zauber des Wesens, der ihn hoch über all die bisherigen Verweser des Städtchens stellte.

Auf einem weiten Umweg durch Felder und Wälder erreichten sie das Pfarrhaus wieder.

Aus den Fenstern schaute schon Frau Tappoli nach ihnen aus. »Nick, nun rasch zu Nacht gegessen und zur Ruh gegangen!« ermahnte sie die Tochter. »Um zwei Uhr mußt du schon wieder aus den Federn sein, und es wäre zu töricht, wenn du dir den morgigen Tag im vorhinein durch zu wenig Schlaf verdürbest.«

Die Hand Nicks ruhte zum Gutenachtgruß in derjenigen des neuen Gastes, er wünschte ihr herzlich Glück zu der Fahrt, und ein Strahl seiner dunkeln Augen traf sie.