Schlafen! – Ja, die Mutter hatte schon Recht! Aber Nick sah stets das zwingende Leuchten in den Augen des neuen Verwesers, stets hörte sie seine weiche, biegsame Stimme. Bis an den Morgen hätte sie am liebsten seiner Erzählung gelauscht, sogar die Rheinfahrt leicht dahingegeben, wenn sie dafür ihn hätte predigen hören, – als ob nicht noch genug Sonntage kämen, wo ihr dieser Genuß beschieden sein würde.
Stunde um Stunde hörte sie schlagen, sie dachte nur an ihn und nicht mehr an Junghans. Ihr war, sie sei erst am Einschlafen. Da kam die Mutter an die Türe und rief gedämpft: »Nick, aufstehen! Es ist höchste Zeit!«
Eine Weile später schlüpfte Nick aus dem Pfarrhause. Da stand draußen schon Ulrich, erwartete sie und erkundigte sich, ob sie einen genügend dicken Mantel und ein warmes Kopftuch für den kühlen Morgen bei sich habe.
Seine Stimme klang ausgeruht, frisch und unternehmungsfroh.
8
Etliche mit je zwei Pferden bespannte Leiterwagen führten die Gesellschaft und die Kähne durch die Nacht. Ulrich versuchte ein harmloses Geplauder mit der neben ihm sitzenden Nick. Sie blieb aber einsilbig. Er schob es auf den zu kurzen Schlaf und schwieg rücksichtsvoll. Ihr war es eine Wohltat. Fröstelnd wand sie sich tiefer in ihren warmen Mantel und spann an ihrem nächtlichen Traum weiter. Wie ist das Menschenherz sonderbar! Wir leben Jahre mit andern, wir glauben sie zu lieben. Da tritt ein bisher Unbekannter hervor und ist uns in einer Stunde so viel, daß die bisherigen wie Schatten versinken. Ist es nicht ein schlechtes Herz, das dieser Umwandlung fähig ist? –
Aus ihrem Halbschlummer weckte sie ein Lied.
»Wie herrlich strahlt der Morgenstern!
O, welch ein Glanz geht auf vom Herrn,
Wer wollte sein nicht achten!«