sangen Burschen und Mädchen.

Nick schaute in ein überwältigend schönes Bild. In funkelndem Glanze hob sich der Tagstern über eine dunkle Waldwand empor. Sieghaft schwebte er durch das Morgenrot, in dessen Widerschein die Erde wie ein blühendes, glühendes Mohnfeld von unendlicher Weite erschien. Eine Wegbiegung! Unter den Blicken lag der Rhein, wie ein Strom rotbrennender Rosen.

Jetzt waren sie am Rheinfall angekommen. Im Frühlicht bot er ein eigenartig sanftes Schauspiel. Es war, wie wenn Scharen weißer Schwestern in sanften Flügen nieder- und aufwärts reigten, eine leis die andre ziehend, alle geheimnisvoll verkettet und verbunden. Nur das Knattern, Brausen und Donnern verriet die ungeheure Wucht der Wogen. Der erste Sonnenstrahl fiel auf den Sturz und spannte einen Regenbogenschimmer darüber hin.

Beim Inselschlößchen Wörth wurden die Weidlinge von den Wagen ins Wasser gesetzt. Die Burschen steckten ihre Fahnen darauf, und die Mädchen ordneten die Blumengewinde. Etwas steif stand Nick daneben, sie hätte nicht zugreifen können, und in der scharfen Kühle bebten ihr die Zähne. Wo blieb Junghans? – Da holte er sie in das Schlößchen zu einem Frühstück, dampfendem Kaffee und heißer Milch. »Er hat doch stets die besten Einfälle!« riefen die andern Mädchen. In der Wirtschaft entstand ein Sturm um den Morgenimbiß. Er aber bemühte sich weiter um Nick, ließ sich von einem Knecht Decke und Wärmflasche reichen, schenkte ihm für den kleinen Dienst freigebig ein neues Frankenstück und hüllte sie auf ihrem Sitz im Kahn vom Scheitel bis zu den Füßen in das linde, dicke Tuch, daß ihr nur das Gesicht aus dem Rahmen schaute wie einer Nonne.

Dankbar stieg in ihr ein Gefühl molligen Umsorgt- und Geborgenseins auf. Von all den Burschen war der frische, treuherzige Ulrich derjenige, der am aufmerksamsten und umsichtigsten zu seiner Begleiterin sah. Und sie hatte die ganze Nacht, den ganzen Morgen nur an John Wildholz gedacht! Was war der ihr aber gerade noch über den Weg gekommen vor der Fahrt, auf die sie sich so sehr gefreut hatte? Ohne seine Dazwischenkunft wäre sie mit sich selber herzeinig geworden und mit Ulrich, über dessen Liebe in ihr kein Zweifel mehr obwaltete. Wie wäre sie für immer geschützt und geborgen bei dem treuen starken Manne, sie, die fast mittellose Waise, die vielleicht bald vom Rhein ziehen mußte und nicht wußte wohin.

Starke Arme trieben die wogenden Kähne hinaus in den Strom. Nick saß zuhinterst, im dritten, neben ihr stand Ulrich und überwachte und leitete die Ausfahrt.

Nun hatten die Boote die Mitte erreicht, tanzten flußab, und wie ein weißes Donnerwetter verschwand hinter ihnen der Rheinfall. Um die Wasser flimmerte das junge Buchenlaub der Stromhalden. Ein Heimatlied ertönte aus frischen Kehlen. Wohltätig breitete die höher steigende Sonne ihre Strahlen über die Flut, Kopftücher fielen, Mäntel verschwanden, helle Sommerkleider wurden sichtbar, Strohhüte mit breiten Rändern wiegten sich auf den blonden und braunen Scheiteln der Mädchen, fröhlicher wurden die Gesichter, heller das Gespräch und Lachen. Auch Nick schlüpfte aus Decke und Mantel wie der Schmetterling aus der Puppe. Sie trug einen schöngeschwungenen Strohhut und ein Kleid mit einem schmiegsamen Mousseline-Einsatz, der ihren schlanken Hals und Nacken auf das zarteste umgab. Sieghaft hatte sie die Beklemmungen des Frühmorgens überwunden, und wenn Ulrich sie auf ein Naturbild aufmerksam machte, hatte sie dafür ein dankbares, zustimmendes Lächeln.

Aus dem Grund der tiefblauen Flut tönte ein siedendes Geräusch, das Wandern des Kieses, da und dort glitten die Boote über silberne Wirbel, die mannigfaltig gekrümmt in die Tiefe hinabstiegen, in mächtigen Schwällen drängten die Wasser wieder empor, brodelten und schlugen weiße Wellen. Geheimnisvoll war das Tierleben mit leisen und lauten Tönen lebendig. Aus den hellen Buchenschlägen am Ufer riefen die Sänger des Waldes, in lichten Gruppen alter Eichen hatten die geselligen Reiher ihre Nester gebaut, und mißbilligend schauten sie auf den Einbruch der Menschen in ihr stilles Reich. Am Rande fischte der Storch, Schwärme von Wildenten ließen die Weidlinge dicht an sich herankommen, stoben mit erschrecktem Schnattern empor und flüchteten in Zickzackreihen stromabwärts. Am Himmel kreiste der Weih und warf seine Stimme in die Stille der Landschaft, als riefe er: »Ich bin der König.« Eisvögel schwirrten wie blaue Lichter in der Sonne, weiß- oder gelbbäuchige Bachstelzen wippten auf den Ufersteinen. Da und dort sprangen kleine Fische aus der Flut: hinter ihnen jagte der Hecht, glänzte weiß auf und schnappte die ermüdete Beute, ein Bild des ewigen Kampfes im Strom. Still aber im Frühlingsfrieden lagen die Uferlandschaften und atmeten den Hauch der Menschenferne. Bald links, bald rechts stellte sich ein einsames Gehöft auf die Halde, und wo der Uferrand flach war, sah man die Umrisse und Giebel altertümlicher Bauerndörfer. Aus ihren Kaminen stieg der blaue Rauch in die Luft, und von fernher zitterten Glockentöne. Dann nahmen hohe Stromhalden den Blick wieder gefangen, in Einsamkeit wallte der Fluß.

Ein Freudenruf ging von Boot zu Boot, wie von selber begann die Gesellschaft das Lied zu singen: »Unsere Berge lugen ins Land!«

Der Rhein hatte sich unbemerkt nach Süden gewandt, den herrlichen Schneebergen entgegen, von denen er kam. In überirdischer, leuchtender Schönheit schwebten sie mit ihren Silberschildern herein in den Rahmen der grünen Ufer, über dem Strom standen sie, als würde er in sie hineinfließen. Sie zogen sich in leiser Bewegung bald rechts-, bald linkshin wieder hinter die Ufer zurück und gaben im Flußausschnitt andern glänzenden Schneegestalten Raum, bald den Häuptern des Glarner Hochgebirgs, bald den Alpen des Vierwaldstätter Sees und dem Urirotstock mit seiner fern herüberstrahlenden Firnwanne. Wieder waren es die Glarner Alpen, wieder die Berge des Gotthards. Nun aber leuchteten die Spitzen des Berner Oberlandes, Wetter- und Finsteraarhorn, Jungfrau, Mönch und Eiger zwischen die Waldborde herein, je nur eine Spitze auf einmal, jede aber wie ein Traum der schönheitsdurstigen Weltseele. Und selber ein Wunder der Schöpfung wallte der Rhein in die unendliche Pracht.