Nick war hingerissen. Wenn jetzt nur niemand spricht, nur niemand mich stört, daß ich die Bilder für mein ganzes Leben erfassen kann! Lange ließ Ulrich die Träumerin gewähren und hielt stumm Ausschau über die Schiffe. Als er ihr aber wieder die blauen Augen zuwandte, brach sie selber das Schweigen. Sie sagte begeistert: »Wie kann ich Ihnen danken, Herr Junghans, daß ich durch Ihre freundliche Einladung so viel Unvergeßliches sehen darf.« Er überlegte einen Augenblick, ein mutiges Lächeln spielte um seinen Mund. »Ich bin ja so glücklich, daß Sie meiner Bitte gefolgt sind. Aber Nick, wir wollen doch zum Du unserer Jugend zurückkehren. Alle Burschen und Mädchen hier sind unter sich Freunde und brauchen gegeneinander das Du. Nur wir nicht!« Ja, das hatte sie auch schon bemerkt. Sie wurde rot und streckte ihm die Hand hin: »Also – Uli!« Auf dem Gesicht stand ihm die Freude.
Von den fernen Schneebergen überleuchtet entfaltete sich eine neue Landschaft. Auf schmaler Landzunge erhob sich ein altersgraues, hölzernes Kirchlein, um das sich die Wellen sänftigten wie Tiere, die sich zu Füßen ihres Herrn legen. Dahinter ragten aus Baumkronen eine alte Abtei und die Doppeltürme eines Münsters. Es war ein Bild, als sei hier ein Jahrtausend stillgestanden. In mancherlei Windungen, wie wenn er den alten Mönchstraum liebkosen wollte, wand sich der Rhein um die Stätte, rechtshin, linkshin, und seine Wellen sangen ein Lied wie das Gebet jenes irischen Glaubensboten, der im Schilf kniend die Weisung des Engels empfing, hier dem Evangelium einen Acker zu bereiten. – Doch was war das? Aus einem der vergitterten Fenster der Abtei reckte ein altes Weib, die grauen Haare aufgelöst, erregt die Hände und rief unverständliche, häßlich klingende Worte auf das junge Volk in den Kähnen hinab.
»Die Abtei ist jetzt ein Irrenhaus,« erklärte Ulrich gedämpft. Sie sahen noch mehr der unglücklichen Gestalten, die das Schicksal zerbrochen hatte, und fuhren still und stiller vorüber und verbargen die Scheu des Frohen vor dem Gram stumm in der Seele. Erst nach einer Weile versetzte Monika aus tiefem Nachdenken: »Vielleicht waren sie einst so glücklich wie wir!« Ein Schatten lag über ihrem Gesicht.
Nun aber glitten die Boote von der Stätte des Grauens hinweg, ein langgestreckter Bergrücken verschlang die Bilder der Alpen, ein niedriges Fischerdorf, umsponnen von Netzen, kam und ging. Wolken von Schwalben schwirrten über dem Strom und verdunkelten ihn fast, durch grüne Auen trippelte von der Linken ein Fluß daher und begrub seine eigenen kleinen Wasser in den großen des Rheins.
Frohes Leben waltete in den Schiffen. Da und dort wurde von den Paaren Zwischenimbiß gehalten, und jedes tauschte, was es besaß, freudig mit den Nachbarn. Nick und Uli ließen sich ein paar Äpfel aus dem Pfarrgarten munden. »Findest du nicht auch, daß unsere Leute sehr artig und lieb zusammen sind?« plauderte er. »Nie habe ich unsere Jugend so wohlgetan beisammen gesehen,« bestätigte sie; »es soll ein wenig dein Verdienst sein.«
Er tat, als überhörte er ihr Wort, und spähte nach vorn. Die Weidlinge wogten in eine Waldschlucht hinein. Linkshin verrieten weiße Wellen verborgene Felsen im Strom. Nun war er ganz Fahrer. »Anziehen!« rief er den Leuten seines Bootes zu. Unter ihren kräftigen Ruderschlägen überholte er eilig das mittlere, erreichte mit dem Schnabel des seinen das vorderste, und mit kühnem Sprung setzte er vom einen ins andere hinüber.
»Rechts – rechts – rechts!« ertönte sein rascher, ruhiger Befehl, und nun war er selber mit stämmigen Armen an einem der Ruder. Wohl tanzten und klatschten die Schiffe in dem Gewild, aber sie vermieden die gefährlichste Strecke der weißen Schäume, und nach etlichen Augenblicken des Herzklopfens sahen die Mädchen die gefährlichen Riffe und sausenden Strudel hinter den Kähnen liegen. Sanfter fuhren die Boote auf den sich glättenden Wellen und ordneten sich wieder in der gewohnten Reihenfolge. Ulrich wischte sich den Schweiß von der Stirne und kehrte zu Monika zurück. »Wir haben die Jüngsten ins erste Schiff gestellt,« erklärte er, »es sind schon tapfere Burschen, aber in den Gliedern doch noch nicht zäh genug, um durchzuhalten. Darum bin ich vorgefahren.«
Nick schaute ihn groß und freundlich an. Was war er für ein mutiger, besonnener Mensch, selber noch jung und doch in seinem Obmannamt der Überlegene, dem die Ältern wie die Jüngern gehorchten, – ein Schmied und Schiffer, der nicht nur daheim in der Werkstatt den Mann stellte, sondern gewiß auch im Leben sein eigenes Schicksal und das seiner Nächsten kräftig und glücklich durch die Wogen führte!
Noch sann sie. Da wogten die Weidlinge aus dem engen Waldtal hinaus, heimatlich wurde die Gegend, aus dem sonnigen Rebgelände winkte das Städtchen, und die gesamte Gesellschaft sang das Lied: »Wenn weit in den Landen wir zogen umher!« Im Nu schossen die Schiffe an den ersten Häusern vorüber und der Brücke entgegen, aus deren Öffnungen so viele Köpfe und Hände grüßten, als die Räume zu fassen vermochten. Weiße Tüchlein wehten, Päckchen, die an ausgeworfenen Schnüren bereit gehalten waren, fielen in die Kähne und schütteten einen Segen von Bretzeln und anderm Gebäck unter das junge Volk. Wie Pfeile schossen die Kähne zwischen den Jochen der Brücke hindurch, und es wiederholten sich von der andern Seite der mächtigen Bretterröhre die Grüße und Gaben.