Am Ende des Städtchens, aus dessen Stockwerken überall sonntagsfreudige Menschen winkten, wehte am Ufer eine Fahne: das Zeichen, daß man anlegen möge. Neugierig fuhren die Schiffer herzu. Große Überraschung! Der Gemeinderat hatte an die Gesellschaft gedacht und ließ ihr eine Spende Wein reichen, jedem Paar eine von Spinnweb bedeckte Flasche. Das Geschenk hob die Stimmung.
Die Schiffe tanzten wieder in den Strom hinaus. Hinter einer Krümmung des Flusses entschwand das Giebelgewirre. Da hörte Nick das Wort: »Dort geht ja unser neuer Verweser!« Eine Blutwelle stieg ihr ins Gesicht, sie sah ihn. Er kam wohl eben vom Gottesdienst und schritt hochhäuptig und gelassen den gleichen Feldweg, den sie gestern abend miteinander gegangen waren. Nun bemerkte er die Fahrenden, hörte ihre Zurufe, stellte sich ans Ufer und erwiderte ihre Grüße mit leutseliger Höflichkeit. Schon hatten die Weidlinge den einsamen Spaziergänger überholt, aber um Nick hatte seine Erscheinung wieder den gleichen Gedankenzauber wie gestern gewoben. Sie sah die Frühlingswälder nicht, an denen die Kähne vorüberschwebten, auch nicht die alte malerische Mühle am Uferwinkel, neben der ein Flüßchen in den Rhein hineinplauderte, und als Ulrich das Wort an sie richtete, schrak sie zusammen.
Er merkte, daß er sie aus einer andern Welt gerissen hatte, sie jedoch faßte sich rasch und lächelte ihn an: »Gelt, ich bin ein zerfahrenes Ding, im wogenden Kahn träumt sich's so schön!« Da war er schon wieder zufrieden.
Der Rhein verbreiterte sich, mit den Rudern half die Mannschaft den Schiffen durch die schwache Strömung nach. Aber nun sammelte sich der Fluß wieder zu lebhaftem Gewoge, es winkte der altersgraue, mächtige Turm von Kaiserstuhl, eine Brücke warf sich über den Strom. Geruhsame Zollwächter, links schweizerische mit roten, rechts deutsche mit grünen Aufschlägen, genossen das seltene Schauspiel, daß wieder einmal Boote mit fröhlichem Volk auf dem Rhein fuhren, und das an der Uferhalde klebende Städtchen eilte zu Haufen herbei, um die fröhlich landende Gesellschaft zu begrüßen.
Ein Zug ordnete sich. Bald saß die Jugend im Saal des altstattlichen Gasthauses zur Krone an den im Hufeisen angeordneten Tischen und ließ sich als Vorspeise ein mit grüner Petersilie überstreutes, knusperiges Fischgericht schmecken. Auf einer kleinen Empore stimmten ein paar Geiger ihre Instrumente und weckten in den Herzen der Mädchen die Vorfreude am Tanz, der ihnen doch am gesamten Feste als das Wesentlichste erschien.
Nick saß zwischen Ulrich und Heller, dem jungen Manne, der bei ihr wegen des Ringes vorgesprochen hatte und als der kommende Obmann galt. »Wie die Präsidentin!« lachte sie übermütig. »Aber so kommt's, wenn man die Eingeladene des Obmanns ist.«
Schon war die erste Eßlust gestillt. Die bedienenden Mädchen brachten den edlen Wein, den der Gemeinderat von Eglisau dem Verein hatte überreichen lassen. Er perlte in den Gläsern und warf den blinkenden Stern.
Da erhob sich Rudolf Heller, gebot Ruhe und sprach: »Lieber Obmann, werte Fahrer und Eingeladene! Ich weiß am besten selber, daß ich ein schlechter Redner bin, und Ihr wißt ja ohne meine Worte, wem das heutige Festchen gilt. Unserm scheidenden Obmann Ulrich Junghans. Seit drei Jahren gehörte er als treues und eifriges Mitglied unserm Verein an, im letzten als Oberfahrer und Obmann. Seit der Verein besteht, blühte er nie wie unter seiner Führung. Ihr Jungen, nehmt Euch an ihm für die Zukunft ein Vorbild! Dann steht es um unsere Gesellschaft immer gut. – Was wir aber bei deinem Abschied empfinden, lieber Freund, das will nicht ich mit meiner kleinen Rednergabe dir sagen, sondern das hat auf meine Bitte deine Nachbarin zur Rechten, Fräulein Monika Tappoli, übernommen. Zuerst aber stoßen wir auf dein Wohl an und wünschen dir glückliche Wanderschaft!«
Nein, Rudolf Heller war kein Redner, stoßweise kamen ihm die Gedanken vom Mund, aber seine schlichten Worte wurden so redlich aufgenommen, wie sie gemeint waren.
Die Gläser klangen zusammen, am hellsten um Ulrich. Als sich aber die Gesellschaft beruhigt hatte, saß er mit rotglühenden Wangen. Ihn freute die Liebe und Treue, mit der seine Freunde an ihm hingen, und durch seine Seele jubelte der Gedanke: Was hast du für eine schöne Heimat! Sein Herz aber zitterte den Worten Monikas entgegen, die ihm mit keiner Silbe verraten hatte, daß eine Verabredung hinter seinem Rücken getroffen worden war. Heimlich tat er vor ihr Abbitte, daß ihn im Kahn ihre Zerstreutheit gekränkt hatte. Er wußte ja jetzt, was ihr durch den Kopf gegangen war: der Auftrag des Vorstandes.