Da rief Rudolf Heller: »Ich erteile das Wort Fräulein Monika Tappoli!«

Im Saal wurde es mäuschenstill. Denn von ihr erwartete jedermann etwas besonders Schönes.

Unter dem üppigen, dunkeln Kraushaar blühten ihr die Wangen, ihre dünnen Nasenflügel bebten, und einen Augenblick erschrak sie über ihre eigene Stimme. Nun aber hatte sie sich in der Gewalt. Schön ausgeschliffen fielen ihr die Strophen vom frischroten Mund:

»Leb wohl, du kleine Stadt am Rhein! –
Du wanderst nun hinaus,
Du fragst den goldnen Sonnenschein:
»Wo ist das Glück zu Haus?«
Und sieh, du bist sein guter Gast,
Er hat sich dir gesellt.
Doch wenn du es verloren hast,
Das Glück der fremden Welt,
So klopft bei dir in jeder Nacht
Die Heimat sorgend an
Und hält bei dir getreue Wacht,
Wie es die Mutter einst getan.
Sie flüstert: »Du mein junges Blut,
Wie ist's um dich bestellt?
Wo blieb dein froher Jugendmut
Im Spiel der weiten Welt?«
Des Städtchens traute Giebel stehn
Verträumt am Rebenhang,
Du siehst im Rhein die Wellen gehn,
Hörst ihren Nachtgesang.
Am Strom hörst du vor Tau und Tag
Ein helles Arbeitslied,
Der eignen Werkstatt Hammerschlag,
Was fehlt dir, junger Schmied?
Du fährst empor: Im Morgenrot
Wie steht die Fremde leer!
Dein Herz schreit auf nach Mutterbrot,
Es schlägt dir heiß und schwer.
Was träumst du armer Junge noch,
Wenn fremdes Glück zerbricht?
Die Heimat hält die Treue doch,
Nein, sie vergißt dich nicht.
Wir geben dir das Unterpfand,
Wir Jugendvolk vom Rhein:
Du wirst daheim im Vaterland
Der stets Willkommne sein!«

Nick hatte das Gedicht mit steigender Wärme gesprochen und während der letzten Strophe die kleine Kapsel geöffnet. Nun nahm sie daraus den Ring und las mit fester, klarer Stimme: »Ulrich Junghans, unserm verdienten Obmann und Oberfahrer, der Rheinfahrverein Eglisau.« Unter der lautlosen Stille der andern steckte sie ihm den Reifen an den Finger, und nun brach der zustimmende Ruf der Gesellschaft los.

Die Freude strömte in das Gesicht des überraschten Ulrich. Er sollte nun selber eine Rede halten, aber er brachte nur hervor: »Ich danke Euch allen!« Wenn er weiter gesprochen hätte, wären ihm die Tränen gekommen. Nur an Nick wandte er sich noch: »Dir danke ich besonders. Das Gedicht wird mir in der Fremde ein schöner Anhalt bleiben. Wie konntest du auch so etwas aussinnen?« Seine Augen glänzten, den Ring am Finger ging er, halbtrunken vor Glück, unter den Freunden umher und drückte jedem die Hand.

Die Verse hatten aber auch den andern gefallen. Viele verwunderten sich, daß man nicht nur aus der Ferne, sondern auch aus dem bescheidenen Heimatstädtchen etwas Liedhaftes sagen könne. »Woher hat's nur die Nick?« »Von ihrem Vater! Für seine Sechseläutenzunft in Zürich, den ›Kämbel‹, hat er oft Verse gedichtet,« sagte Rudolf Heller. »Sie müssen ins Protokoll!« Ein paar Mädchen kamen und schrieben sie ab. – Nach bescheidenem Widerspruche ließ es Nick geschehen.

Nun aber wurden Stühle und Tische aus dem Saal geräumt. Die Geigen und eine Trompete setzten ein, die Paare walzten, und Nick wie Ulrich waren froh, der allgemeinen Aufmerksamkeit entronnen zu sein, und machten ein paar Runden miteinander. Nachher kam für ihn die Höflichkeitspflicht, es auch mit den übrigen Mädchen zu tun. Nick setzte sich auf eine Bank an der Wand und schaute in das lebhafte Treiben. Stets aber kamen wieder Burschen und baten sie um einen Tanz.

»Gern, aber erst später,« erwiderte sie jedem.

Die Enttäuschten zogen sich zurück. Ulrich kam wieder.