»Was willst du tun?« fragte die Pfarrerin.

»Ich will versuchen, Ulrich Junghans einen Brief zu schreiben, damit er weniger böse auf mich ist.« Sie empfand die scharfen Worte der Mutter wie eine wohlverdiente Züchtigung. Wie war sie gestern gegen den wohlmeinenden Uli verblendet gewesen! Sie begriff sich schon heute nicht mehr.

Zuerst trat sie in das Zimmer des Verwesers, der im Unterricht weilte, besah sich das Mädchenbild, das auf einer kleinen Staffelei stand, und war davon enttäuscht. Es zeigte ein landläufiges, ziemlich breites Gesicht, nicht hübsch, nicht häßlich, umrahmt von glattgestrichenem Haar. Sein Reiz lag in den großen, frommen Augen. Was man von ihrem Kleid, einer Art religiöser Tracht, sah, deutete auf eine Missionarin. Wie die Marke des Photographen sagte, war das Bild in Kalkutta aufgenommen worden, und als Nick es wendete, las sie: »Ihrem im Herrn innigstgeliebten John Wildholz seine treue Christine Eberhard.«

Sie war also die Tochter des Missionars, bei dem er einige Jahre zugebracht hatte.

Nick neigte ernüchtert den Kopf. Sie begriff den Geschmack des Verwesers nicht, er kam ihr selber weniger verehrungswürdig vor. Ihre Schwärmerei für ihn war dahin. Welche Grausamkeit des Lebens! Wenn sie das Bild vor der Fahrt gesehen hätte, dann –

Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, sie stieg in ein Kämmerchen empor, in dem sie als Kind ihre Schulaufgaben gelöst hatte und das noch immer ihr Zufluchtsort war, wenn sie ungestört sein wollte. Schwalben flogen durch das geöffnete Fenster aus und ein. Der geplante Brief aber geriet ihr nicht. Die erste Fassung fand sie zu zerknirscht, die folgende gequält, sie stolperte stets wieder darüber, daß sie Ulrich erklärt hatte, ihr Herz sei bereits vergeben, – und war zu stolz, sich selber der Lüge zu zeihen. Bogen um Bogen schrieb sie, doch gegen Abend gab sie es verwirrt und traurig auf.

»Dann geh doch selber zu Uli,« riet ihr die Mutter.

»Er ist in Zürich, und ich weiß nicht, wann er heimkommt,« versetzte Nick. »So tief demütige ich mich auch nicht.« –

Ein stiller Zwist lag nun zwischen der Pfarrerin und ihrer stolzen Tochter. Das Abendbrot, zu dem John Wildholz erschien, wurde Nick, die von der Fahrt erzählen sollte, zur Qual. Sie zog sich früh zurück. Im Tagesgrauen erwachte sie aus schweren Träumen durch ein Volkslied, das, von einem Dutzend Männerstimmen gesungen, aus der Brücke zu ihr heraufklang.

»Hier in weiter, weiter Ferne,
Wie's mich nach der Heimat zieht;
Lustig singen die Gesellen,
Doch es ist ein falsches Lied,
Doch es ist ein falsches Lied.«