Jetzt geht er, fuhr es ihr durch den Kopf. Sie sprang ans Fenster, durch den Laden rief sie: »Uli – Uli!«

Sie horchte umsonst! Die Schritte der Jungmannschaft, deren Gestalten sie in der Dämmerung eben zu erkennen vermochte, entfernten sich, Sang und Klang verging in den Worten:

»Andre Städtchen, andre Mädchen
Kommen freilich zu Gesicht;
Ach, wohl sind es andre Mädchen,
Doch die eine ist es nicht,
Doch die eine ist es nicht!«

Nick warf sich hin. Sie hätte gestern abend Ulrich doch noch aufsuchen sollen. Nun gaben ihm ihre Gedanken das Geleit. Sie sah ihn, wie er, einen halben Kopf größer als seine Freunde, frisch, stark, sehnig, am hohen, glänzenden Hut den Levkoien- und Rosmarinstrauß, aus der Heimat schritt. Im nächsten Dorf verabschiedeten sich wohl schon etliche seiner Begleiter, im übernächsten die meisten, und nur die letzten Getreuen gingen mit ihm bis nach Schaffhausen. Dort ein Imbiß, ein Klingen mit den Gläsern, ein Händeschütteln. Das war das Ausschenken. Nun wanderte er allein, nun warf er den letzten langen Blick über die Grenze ins Vaterland zurück. Und er gedachte noch einmal aller seiner Freunde, die ihn mit soviel Ehren aus der Heimat entlassen hatten. Sie aber hatte ihm den Abschied verbittert, ihrer gedachte er mit zornvoller Seele …

Leere Tage kamen in ihr Leben. Sie wären ihr noch schattenhafter dahingegangen ohne die Gegenwart des Verwesers. Seit sie wußte, daß er verlobt war, versuchte sie ihm knapp und kühl zu begegnen, er aber bewies ihr stets eine große, mit feiner Herzlichkeit gepaarte Achtung, der sie nicht zu widerstehen vermochte. Aus jedem seiner Worte spürte sie, wie ihm daran gelegen war, ihr seelisch näher zu kommen. Er lud sie zu seinem täglichen Spaziergang ein, und es schien ihm einen Genuß zu bereiten, mit ihr durch die stillen Felder und Wälder am Rhein zu gehen.

»Fräulein Tappoli, damit wir gegenseitig klar sehen,« begann er eines Tages, »will ich Ihnen bekennen, daß ich in Indien ein Mädchen zurückgelassen habe, mit dem ich still verlobt bin. Diese Liebe ist mir heilig. Sie ist mir aber kein Hemmnis, Ihnen in ehrlicher Freundschaft meine Teilnahme entgegenzubringen. Ich freue mich, Ihre frische Tätigkeit zu beobachten, und wie Ihnen stets ein Sonntag von Gedanken dabei mitläuft.« Leuchtende Güte stand in seinen Augen.

Das freimütige Wort gefiel Nick.

Er aber fuhr fort: »Der Zufall hat mir ein Blatt in die Hand gespielt, in dem der junge Lehrer Hans Weber die prächtige Rheinfahrt vom Sonntag schildert. Da las ich auch das Gedicht, das Sie dem scheidenden jungen Schmied Ulrich Junghans widmeten. Er muß ein tüchtiger Mensch sein!«

»Die Strophen sind ohne mein Vorwissen in die Zeitung gekommen,« erwiderte Nick mit verhaltener Heftigkeit. »Es tut mir sehr leid!«