»Nun, möge nichts Schlimmeres geschehen,« begütigte sie Wildholz. »Aus den Versen schaut ein helles, liebes Menschenkind. Das ist genug. Sie haben mich aber auf die Frage geführt, ob der junge Mann, dem sie gelten, Ihrem Herzen nahe steht?«

Das Blut stieg ihr ins Gesicht. »Herr Verweser, lassen Sie mir mit der Antwort Zeit,« – mehr vermochte sie nicht zu erwidern.

Er drang nicht weiter in sie. Sie aber lernte ihn von Tag zu Tag höher schätzen.

Der bald leis schwermütige, bald feurig schwungvolle Mann brachte sich sowohl als Prediger wie als Lehrer zu Ansehen. Sie selber spürte: ihr Vater hatte den vollwertigen Nachfolger gefunden, sogar einen, der ihn an hinreißender Kraft des Wortes übertraf. Doch war ein großer Unterschied zwischen den religiösen Auffassungen der beiden Männer. Der Vater hatte, von einem fast künstlerischen Humanismus durchdrungen, das Sonnige des Lebens so gut wie seine Schatten gesehen; Wildholz aber, der aus der Mission hervorgegangene strenggläubige Christ, legte den Nachdruck auf die Schwäche und Sünde der Menschheit und ihr tiefes Erlösungsbedürfnis. Dafür fand er aus mystischer Kraft heraus glühend düstere, für Nick fast unheimliche Töne, die aber die Leute mächtig ins Gotteshaus rissen.

Durch die Predigten wie durch die gemeinsamen Spaziergänge von seiner alles begreifenden Güte überzeugt, faßte Nick Zutrauen zu Wildholz, kam aus eigenem Drang einmal auf seine Frage zurück und gestand ihm die Aussprache mit Ulrich Junghans in den Ruinen von Weißwasserstelz. Dabei verschwieg sie ihm freilich, daß es gerade sein, des neuen Verwesers, Erscheinen im Städtchen gewesen sei, das einen Zwiespalt in ihre Seele getragen habe, und schob alle Schuld, daß sie die treue Hand des jungen Schmiedes ausgeschlagen, auf die Verwirrung des Augenblicks und einen ihr hinterher selbst nicht mehr verständlichen Mädchentrotz.

John Wildholz sah ihr mit warmer Freundschaft tief in die Augen. »Ich merkte, daß Sie leiden, Fräulein Nick. Fehler aber, die man einsieht, soll man nicht alt werden lassen. Wenn Sie die herzliche Überzeugung haben, daß der junge Mann Ihrer wert ist, so schreiben Sie ihm einen aufrichtigen Brief, wie es um Sie steht. Um seinet- wie Ihretwillen! Was geschieht sonst? – Sie beide begraben die erste, heilige Liebe; mit hungerndem Herzen geht er, gehen Sie andere Lebensverpflichtungen ein und vermehren in der Welt nur die große Zahl der Unglücklichen, die am Tag mit leerer Seele lachen und in der Nacht um ein verlorenes Glück weinen.« Sein Blick ruhte teilnahmstief und doch mit schwerer Mahnung in ihrem Gesicht. »Sie dürfen nicht den Pakt mit dem staubigen Alltag schließen, Fräulein Nick, Sie sind dafür ein zu wertvolles Menschenkind.«

Seine Nachdrücklichkeit brachte sie in Verlegenheit. Sie wußte schon, daß sie den Brief nie schreiben werde, nicht sowohl wegen ihres eigensinnigen Stolzes, den sie manchmal selber beklagte, als aus dem Gefühl, sie habe sich durch ihre erregten Worte auf Wasserstelz jede gute Rückkehr zu Ulrich Junghans abgeschnitten.

Schweigend ließ der Verweser sie gewähren, er tat, als spüre er ihren inneren Kampf nicht. Sie wurden immer bessere Freunde. Im Städtchen liefen die Anspielungen, sie sei mit ihm verlobt, ja es gab Neugierige, die sie unmittelbar fragten: »Darf man bald Glück wünschen?« So war für sie viel Bittersüßes an dem schönen Verkehr mit Wildholz, und vielleicht litt auch er unter heimlichen Schmerzen.

Da kam die Wendung. Die Bewohner des Städtchens drängten, daß der die Herzen ergreifende Redner als Geistlicher berufen werde, bevor eine andere Gemeinde ihn mit ihren Versprechungen hinweglockte, und die Kirchenpflege trug ihm schon gegen den Herbst das Amt des Pfarrers an. Er bat um ein paar Tage Bedenkzeit – und lehnte die Berufung ab. Niemand begriff es, am wenigsten Nick.