Die Weinlese jauchzte an den Ufern des Rheins. Da gingen sie miteinander durch den buntprangenden Wald und ruhten unter mächtigen, alten Buchen, durch deren Kronen der letzte Sonnenschein spielte. Nick merkte, wie es im Innern des Verwesers kämpfte. Plötzlich fragte er abgerissen: »Haben Sie eigentlich den Brief an Ulrich Junghans geschrieben?«

Sie erschrak und schüttelte stumm den Kopf. Er sagte: »Ich gehe nicht gern von Ihnen ohne den Gedanken, daß Ihnen eine schöne Zukunft winkt. Warum versäumen Sie Ihr Glück?« Er sah sie warm besorgt an. Seine Stimme zitterte leise. »Wie froh wäre ich, wenn ich Ihnen selber etwas sein könnte, aber unsere Wege trennen sich. Sie wissen, schweren Herzens habe ich den Antrag der Kirchenpflege abgelehnt. Ich habe mich entschlossen, eine Studienfahrt ins heilige Land zu unternehmen. In acht Tagen werde ich schon in Italien sein, und bin ich zurück, hoffentlich in meinem religiösen Glauben bestärkt, vertieft und gereift durch den Wandel auf den Spuren des Herrn, so kommt wohl auch meine Braut Christine Eberhard in die Heimat und wir finden die Pfarre, auf der wir unsern Hausstand gründen können.«

Nie vorher hatte Wildholz von dem Reiseplan gesprochen, Nick war davon völlig überrascht.

Und wieder begann er: »Ich wollte, ich wüßte um Ihren Weg, Fräulein Nick, und daß es Ihnen gut ginge. Ich sorge mich um so mehr um Sie, da Sie ja doch nicht mehr lange im alten, lieben Pfarrhaus bleiben können. Die Kirchenpflege hat nach meiner Ablehnung die Berufung eines Pfarrers beschlossen und bereits einen Kandidaten in Aussicht, der Weib und Kind besitzt.«

Nick schrak zusammen. Sie schritten beschwerten Gemütes aus dem abendgoldenen Wald. Da sagte sie plötzlich, wie aus einem Traume heraus: »Sie haben nach meinem Weg gefragt, Herr Wildholz. Er liegt für mich klar. In die Welt hinaus, das Brot verdienen, warten und sehen, ob nach zwei oder drei Jahren jener wieder kommt, dessen Hand ich verworfen habe, und ob er mich noch will. Es ist seltsam, schreiben kann ich ihm nicht.«

Schon hatte er eine Entgegnung auf den Lippen, aber sie waren an die Rheinhalde gekommen, an der die Winzer ihren Segen einbrachten. Im blauen Dunst des Abends führten die Bauern mit ihren Ochsengespannen die Kufen nach den Keltern, da und dort stand noch eine fleißige Schar an die Weinstöcke hingebückt, Volkslieder erklangen, Jauchzer gingen über den Strom, und freudige Hände streckten dem Paar die duftigen blauen und goldgelben Früchte entgegen. Wildholz und Nick nahmen dankend an. Sie aber spürte mehr die Wehmut als die Freude des Herbstabends, ihr Herz antwortete nicht auf die Gesänge, sie dachte nur an den Abschied von ihrem Freunde. –

Als er für die weite Reise ins Morgenland von ihr Abschied nahm, bebte seine Hand, mit brechender Stimme sagte er: »Behüt' Sie Gott, liebe Nick!« Ihr war im Augenblick, da er gehe, müsse sich etwas Besonderes ereignen; aber als sein Fuhrwerk hinein in die Brücke rollte, geschah nichts weiter, als daß eine wunderbare Klarheit in ihre Seele kam: Er hat dich geliebt! Darum drängte er so stark auf den Brief an Uli, darum schlug er die Berufung aus! Die Reise, von der er früher nie gesprochen hatte, tritt er an, um dich vergessen und jener Christine Eberhard treu bleiben zu können. Was ist er für ein starker Mann!

Mit gefalteten Händen ließ Nick die Tränen über das Gesicht hinunterlaufen, ihre Seele wurde wund um ihn. In ihre Wehmut und Zerknirschung mengte sich aber auch ein Gefühl des Stolzes, daß sie dem ernsten, tiefreligiösen Mann etwas hatte sein können, daß er sie geschätzt, ja im stillen geliebt hatte, der Arme, Unfreie, der sein Herz an die bescheidene Missionarin wohl nur hingegeben hatte, weil ihm auf der fernen Station eine andere Liebe nicht möglich gewesen war. Wildholz litt darunter, war jedoch zu vornehm, um untreu zu sein.

Unter Gewissensbissen aber dachte sie an Ulrich Junghans und sich selbst. Wie flatterhaft war ihr Herz! Erst wies es Uli schroff zurück, dann blutete es um ihn, darauf schwärmte es für Wildholz. Wenn es so um die Festigkeit ihrer Liebe stand, war es schon klüger, nicht an Uli zu schreiben. In aufdämmernder Selbsterkenntnis sah sie in der Unsicherheit ihrer Gefühle einen verhängnisvollen Charakterfehler, und sie ahnte, daß sie einen schweren Weg gehen werde.