Schon in den nächsten Tagen trat der neue Pfarrer mit Frau und halbwüchsiger Tochter ins Haus, und obgleich sie es nicht an Höflichkeit fehlen ließen, merkten Frau Tappoli und Nick, die sie durch die Räume und den Garten geleiteten, aus den behaglichen Gebärden und Gesprächen, wie stark sich die Neulinge schon als die Herrenleute des Besitzes fühlten. Welch trauriger Abend nachher! Und was nun? –
Die Mutter beschäftigte sich mit dem Gedanken, in der Stadt eine Pension für Studenten einzurichten, und der Plan gefiel auch Nick. Indessen gelangte er nicht zur Ausführung. Ferdinand Bürsteler, der seit einem Jahr den Rock des Pfarrers ausgezogen und in der Heimat eine Baumwollspinnerei gekauft hatte, kam eigens zu Besuch, um der Schwiegermutter und der Schwägerin den Plan auszureden. Der gutmütig-stolze Industrielle wollte die nächsten Verwandten seiner Frau nicht in erwerbender Stellung sehen. Als besten Gegengrund schob er die schwache Gesundheit der Mutter vor und war bereit, sie sowohl wie Nick in sein Haus aufzunehmen.
Nick mochte nun einmal die fleischige Gestalt Ferdinands nicht, und ehe sie sich's versah, hatten sie schon wieder Händel miteinander. Er gab den Versuch, sie zu versöhnen, nicht gleich auf, begleitete sie nach dem Einbruch der Nacht noch zu einer Besorgung ins Städtchen und versuchte dabei, seinen Arm in den ihren zu schieben. Sie aber lachte ihn spöttisch aus: »Ich werde schon für den sorgen, der mich führt,« und machte sich frei. Bürsteler mußte es selber einsehen: es gab kein Auskommen zwischen ihnen. Die Mutter entschloß sich, in die Familie des Schwiegersohnes einzutreten, in der ihr bereits ein Enkelkind blühte; Nick aber wollte mit Verwandten in Zürich beraten, vor allem mit ihrem Vormund, dem Tierarzt Tappoli, einem jüngern Bruder ihres Vaters, der sich freilich bis jetzt wenig um sie gekümmert hatte.
Den Bewohnern des Städtchens tat es leid, die letzten Glieder der Pfarrersfamilie zu verlieren, die mit ihnen ein Vierteljahrhundert Freude und Sorge geteilt hatte. Manche der Bürgersleute kamen noch ins Pfarrhaus, um sich von Mutter und Tochter zu verabschieden, und sie kamen nicht mit leeren Händen. »Was fangen wir nur mit all den Geschenken an,« rief Nick, »den Töpfen voll Honig, den Säcken voll gedörrter Zwetschgen, Äpfel- und Birnschnitzen, den Würsten und Schweinskinnbacken?« Dabei standen ihr aber die Augen voll Tränen.
Sie verbrachte eine wehe Abendstunde am Grabe ihres Vaters. Nachbarn besorgten unter wehmütigen Betrachtungen das Ausräumen des Hausrates. Ein herzzerreißendes Bild, die trauten Möbel auf der Straße, die letzte Rast im verödeten alten Heim. In die Brücke hinein schwankten zwei Wagen, ein größerer und ein kleinerer. Jener führte die Witwenausstattung der Mutter ins Oberland, dieser die für Nick ausgeschiedenen Stücke nach Zürich. Als die Sonne durch den Nebel brach, folgten ihnen in einem Chaislein die beiden schwarzgekleideten Frauen. Aus vielen Fenstern und Türen winkten letzte Grüße, seine Abschiedslieder rauschte zwischen den hohen Borden herauf der Rhein, noch einmal grüßte das Städtchen mit den steilen Firsten und blumengeschmückten Lauben. Als es hinter der Uferhöhe den Blicken entschwand, hüllte sich Nick trotz der wärmenden Sonne tiefer in ihren dunkeln Schal.
Der Neunzehnjährigen war, die Jugend sei für sie abgetan.
10
Am Frühnachmittag erreichten Mutter und Tochter Zürich. Den Hausrat Nicks stapelten sie bei einem Verwandten, einem ehrsamen Schuhmacher, auf den Dachboden. Nachher machten sie sich auf den Weg zu ihrem Vormund Bernhard Tappoli. Sie hatte ihn von ihren Kinderjahren her in angenehmer Erinnerung, den lebensfrohen Tierarzneischüler, der stets mit einem Vorrat von Feuerwerk in die Weinlese kam und es unter dem Jubel der Jugend über dem Rhein abbrannte. Doch auch ein anspruchsvoller Gast war er gewesen. Aus den Körben voll Trauben, welche die Bauern ins Pfarrhaus schenkten, hatte er die schönsten herausgenascht, den Apfelküchlein der Mutter unbescheiden zugesprochen, den Weg ins Speckkämmerlein genommen, so oft es ihm gefiel, und zum stillen Verdruß der Eltern heimlich manche verkorkte Flasche im Keller erbrochen. Ihr aber war er stets ein fröhlicher und gefälliger Kamerad gewesen. Wenn er nun an jene häufigen Besuche dachte, an so manches Geldstück, das der Vater Nicks ihm zugesteckt hatte, so mußte er sie liebreich aufnehmen, und es fiel ihm umso leichter, als er in den dazwischenliegenden Jahren durch einen Handel mit Bauland, den er neben seinem Berufe betrieb, ziemlich reich geworden war. Er wohnte in der Nähe der Eisenbahn, in einem Anwesen, in dem sich Einst und Jetzt stießen. Das schöne, alte Haus, das er sich erheiratet hatte, war umgeben von häßlichen Schuppen und Baracken.