Die Pfarrerin brachte der Familie zwei von den Honigtöpfen, die ihr gute Nachbarn zum Abschiede geschenkt hatten, und erregte damit bei Schwägerin und Tochter Freude. Das Einvernehmen dauerte bis nach dem Vieruhrkaffee, bei dem die Süßigkeit reichlich herhalten mußte. Dann kam Onkel Bernhard von einer Überlandfahrt nach Hause. »Herrgott, bist du groß und schön geworden!« rief er Nick entgegen. Er hatte aber nicht an die Empfindlichkeit seiner Tochter Babette gedacht, die, ein paar Jahre jünger als Nick, durch ein sonderbar ältliches Gesicht entstellt war. Die Eifersüchtige lief mit einem wütenden Blick auf den Vater aus der Tür, und ihre Mutter strafte ihn mit stummem Vorwurf. Er plauderte indessen unbefangen weiter und lud Nick zum Bleiben ein. Sie fühlte aber doch schon, daß sie in dieser Familie auf keinen Anhalt rechnen durfte.
Sie begleitete die Mutter, die noch an diesem Abend ins Oberland fahren wollte, auf den Bahnhof. Dort wurden sie von Dietrich, dem Studenten, erwartet. Er bat um einen Zuschuß zu seinem Taschengelde, das nach des Vaters Tode noch schmäler geworden war als zuvor. Die Pfarrerin gab ihm das letzte Entbehrliche. Was er vom Vormund sprach, war wenig ermunternd. Onkel Bernhard stecke so in Berufs- und andern Geschäften drin, daß er für die Anliegen der Verwandten keine Zeit finde; ein Geld- und Glücksjäger, besitze er von den Tappoli nur noch die liebenswürdigen äußeren Formen. Im Augenblick der Trennung wandte sich die Mutter aufschluchzend an Nick: »Ärmste! Wenn du dich nur mit deinem Schwager Ferdinand vertrügest! Er ist doch der einzige, der auch für dich ein Herz hat. Was wirst du in der Stadt Bitteres erleben! Ich darf nicht daran denken.«
Als Nick allein in die Familie Bernhards zurückkehrte, war ihr, sie trüge in sich die Schwere der ganzen Welt.
Am andern Morgen machte sie mit dem häßlichen Babettlein Einkäufe in der Altstadt. Da war sie mit dem Vater als Kind etliche Male gegangen, viele Erinnerungen erwachten, sie fühlte sich in den Gassen, Straßen und Plätzen nicht fremd, und der Blick in das Leben und Treiben hob ihren Mut. Nur die Empfindung, daß die junge Verwandte sie nicht möge, verdarb ihr die Stimmung. Sie wollte sich lieber einmal ein paar Stunden ungestört in der Stadt ergehen.
So schlenderte sie am Nachmittag allein der Limmat entlang und sah den Färbern zu, die aus schweren Kähnen vorgebeugt ihre Tücher darin wuschen. Sie kam zu dem wie ein italienischer Palast über den Fluß hinausgebauten Rathause, und bald flog ihr Blick hinüber zum Zunfthaus der Meise. Da gelüstete es sie, die Freundin Marie Junghans zu begrüßen und sie zu fragen, wie es denn ihrem Bruder Ulrich gehe. Sie wagte es nicht, ohne weiteres in die Wirtsstube hinaufzusteigen. Unschlüssig stand sie auf der Brücke, schaute bald hinab in die Wasser, auf denen sich eine Schar Möwen schaukelte, bald hinauf zum schweren Turm des Sankt Peter, an dessen Ziffernblatt die riesigen Uhrzeiger wanderten. Da kam der Dreiuhrschlag vom Turm. Ein unerwartetes Schauspiel begab sich. Die Möwen hoben sich schreiend über das Wasser empor, zogen mit scharfem Flügelschlag über Nicks Kopf nach den hellen, großen Fenstern der Meise und haschten durch die Luft geworfene Brotbrocken. Die sie fütterte, war Marie in ihrer Rafzerfeldertracht.
»Nick, Nick!« rief sie, kam auf die Straße heruntergeeilt und holte die Freundin hinauf in die große, eichengetäfelte Zunftstube. »Gerade zur rechten Zeit kommst du. Von drei bis fünf Uhr ist es bei uns immer still, nur der alte Literaturprofessor sitzt noch über seinen Kollegienheften in einer Ecke, geht aber auch bald.«
In der Tat erhob sich dort alsbald ein borstenhaariges Männchen, das die eine Schulter höher als die andere trug. Marie stellte ihm die Freundin vor. »Tappoli!« versetzte er und ließ hinter großen Brillengläsern die Augen sprühen. »Wie viel schöne Stunden habe ich mit Ihrem Vater verbracht!« Seine Blicke glitten wohlgefällig über Nick, dann aber lachte er väterlich Marie zu: »Ja, unser Rotbrüstchen haben wir lieb.« Ein herzliches Einverständnis schien zwischen dem Alten und Marie zu bestehen.
Nun war er gegangen. »Sind alle deine Gäste so lieb zu dir?« fragte Nick.
»Ich erlebe manches Schöne,« erwiderte Marie, »gerade mit dem Professor. Seine Vorträge hält er meist erst mir und nachher den Studenten. Ich habe aber auch sonst unter den Gästen gute Freunde, sie sorgen sich um mich wie um ein eigenes Kind.«