»Und bist du in einen verliebt?« forschte Nick.

»Wo denkst du hin? – Es ist mir wohl genug so.«

Ja, man sah ihr das gute Ergehen an. Gesicht und Gestalt waren fein erblüht, die ländliche Tracht ihrer Heimat, die roten Querstreifen im Mieder, die silbernen Röschen darumher und die blühweißen, gestreiften Ärmel stimmten wunderhübsch zu ihrer schlichten Erscheinung, die an die stillen Landschaften draußen erinnerte, an die Frische des Waldes, den Duft der Scholle, den Sonnenschein über den Hügeln. Kein Wunder, daß sie jedermann gefiel und daß die Gäste sie verwöhnten. Kaum eine andere Gestalt hätte in das Zunfthaus besser gepaßt als sie, wie ein Bild fügte sie sich darein und half mit, der Meise das ehrenfeste Wesen zu geben, in dem sich viele gebildete Zürcher wohlfühlten.

Die beiden Freundinnen sprachen ungestört über die kleinen Ereignisse der Heimat. Nach einiger Zögerung aber fragte Nick unsicher: »Wie geht es denn Uli?«

Ein Schatten flog über das Gesicht Maries. »Er steht immer noch in Nürnberg und befindet sich dort gut. Doch wundere ich mich über deine Frage. Du darfst es mir nicht übel nehmen: es schmerzt auch mich, daß er deinetwegen so unglücklich auf die Wanderschaft gegangen ist. Aber du konntest nicht anders, da du dein Herz schon vergeben hast, und deswegen bin ich dir über die Abweisung doch nicht böse. Er fragt in jedem Brief, wer wohl der Bevorzugte sei. Die Mutter meinte Wildholz, und so habe ich es ihm geschrieben; aber nun ist ja der Verweser auch wieder gegangen.«

Nick wußte nicht, wohin blicken vor Verlegenheit. Sie nahm Maries Hand. »Dir will ich die Wahrheit bekennen. Mein Herz ist so frei wie je. Was ich Uli auf seine Werbung erwiderte, war die größte Lüge meines Lebens. Warum ich sie begangen habe, weiß ich selber nicht. Seine Erklärung kam mir wie ein Überfall. Daß ich aber noch frei bin, kannst du ihm schreiben.«

»Nein, Nick,« erwiderte Marie nachdenklich. »Wenn dir daran gelegen ist, tue du es selbst. Doch wozu? – Es sei denn, du schriebest ihm, du habest dich eines Bessern besonnen.«

Nick schwieg, seufzte und starrte vor sich hin. Da kam ein Gast, und sie verabschiedete sich.

»Wenn du Zeit hast,« bat Marie, »komm wieder zu mir.«

Die frühe Dämmerung fiel in die Stadt. Nick machte noch Besuche bei Verwandten und wurde gut aufgenommen, aber die Menschen, die so oft die Gastfreundschaft des Pfarrhofes in Eglisau genossen hatten, kümmerten sich nicht eigentlich um die Not ihres Lebens, um ihre Zukunft, sie sagten nur: »Wer wüßte dir bessern Rat als der Vetter Tierarzt?« Der ältere Onkel gab ihr ein Goldstück. Nun brannte sie das Geschenk. Wie billig ist es, sich mit etwas Geld von einer Herzenspflicht loszukaufen! Mit schweren Gedanken schritt sie wieder hinaus in das öde Quartier der Schuppen und Magazine. Sie dachte fast sehnsüchtig an Ulrich Junghans. Sonderbar! Der bescheidenen Messerschmiedsfamilie ging das Leben so blühend auf, das ihre aber verengte und verdunkelte sich mehr und mehr. Fröstelnd wandelte sie im raschelnden Nordwind. Kein sicheres Dach, kein sicheres Ziel. Sie, Nick Tappoli, die, solange der Vater gelebt, nichts von Sorgen gewußt hatte!