Am folgenden Tage gab sie dem Onkel Bernhard auf einem Geschäftsgange nach einem Bauerngehöft außerhalb der Stadt das Geleite. Sie merkte, daß sich in seiner Brust etwas wand, das er nicht gern zur Sprache brachte. Erst als sie ein gut Stück gegangen waren, begann er: »Ja, Nick, das Leben ist hart, und man kann nicht immer wie man will. Sonst würde ich dich herzlich gern im Haus behalten, schon aus Dankbarkeit für die vielen schönen Tage am Rhein. Du hast aber wohl bemerkt: das Babettlein hat Launen. Und ich kann den Frieden des Hauses nicht aufs Spiel setzen. Was nun anfangen? Du mußt selbständig werden. Mit deinen guten Umgangsformen taugst du wohl am besten als Verkäuferin. Nun habe ich deinetwegen mit meinem Freund, dem Spielwarenhändler Jean Groß an der Strehlgasse gesprochen. Er ist bereit, dich während des Weihnachtsmarktes als Aushilfe anzustellen. Es ist wenigstens eine leichte und saubere Arbeit.«
Er schwieg und wartete, was sie antworten werde. Sie ließ schweigend den Kopf sinken und ging etwas langsamer.
Da nahm er wieder das Wort: »Selbstverständlich lasse ich dich nicht im Stich. Du kannst mir, wenn du in Verlegenheit bist, stets um Geld schreiben, und ich werde es dir besorgen. Bloß dürfen Frau und Tochter nichts davon merken. Damit dich deine Schrift nicht verrät, gebe ich dir Briefumschläge mit, auf denen mein Name gedruckt ist. Dann glauben sie, es handle sich um eine geschäftliche Sache, und forschen nicht weiter nach dem Inhalt.«
»Ein so unfreier Mann bist du?« hätte Nick gerne gefragt, sie sagte aber nur: »Behüt' dich Gott, Onkel, ich gehe gleich in den Spielwarenladen.« Sie würgte das Weh der Verlassenheit, das in ihr aufsteigen wollte, hinunter, mietete sich kurz entschlossen bei einer Frau Gugolz ein und stellte sich mutig hinter den Ladentisch.
Die Krämerei, für die sie nie Neigung besessen, ging ihr leichter, als sie erwartet hatte, sie entdeckte dafür ein Talent in sich. Unter dem Besitzer aber litt sie, sowohl unter seiner Erscheinung wie seiner Art. Er wußte seine Vorteile gut zu wahren. Mit scharfem Auge überblickte er den Gang seines Geschäftes, aber es war an dem breitbrüstigen Mann etwas abstoßend Weibisches, namentlich an der zu hohen, sich oft überschlagenden Stimme. Dazu besaß er die üble Gewohnheit, die Angestellten mit »Du« anzusprechen und aus dem Namen irgendeinen Schnack zu machen. Nick hatte das Gefühl, er möge sie wohl leiden, jedesmal aber ging ihr ein Stich durch die Brust, wenn er ihr zupiepte: »Pfarrerstöchterlein, da bediene du!« Wozu das schmerzvolle Hervorheben ihrer Abkunft? Ihre Bitten waren umsonst. Er protzte mit ihr gerade vor den vornehmern Kunden. Zum Glück blieb er jeden Nachmittag bis gegen vier Uhr aus. In einer Gesellschaft, der auch Onkel Bernhard angehörte, spielte er um hohe Einsätze Karten und handelte um Häuser und Grundstücke. Sie hörte manches darüber flüstern.
Die Stunden seiner Abwesenheit waren für sie stets die Schönsten. Ihr rascher, höflicher Verkehr gefiel den Käufern und Käuferinnen, für die Kinder, die kamen, fand sie das rechte Wort und setzte ihnen den Gebrauch der Spielzeuge auseinander, der Puppen klein und groß, der gesamten Tierwelt, der Kirchen und Häuser, der Wägelchen und Boote, der grünen Pappeln und der Heere von Bleisoldaten. Dabei wurde sie für einen Augenblick selber wieder Kind, erregte Gefallen und machte für Jean Groß ein gutes Geschäft. Gegen Weihnacht wuchs der Andrang der Kaufenden, der Ladenschluß schob sich immer weiter hinaus, und dann war noch wieder Ordnung in die wirr aufgehäuften Waren zu bringen; aber wenn sie endlich mit müden Füßen durch die dunkeln Gassen heimwärts huschte, beherrschte sie doch ein schönes Gefühl. Wie manche frohe Mutter hatte sie tagsüber gesehen, wie viele strahlende Kinderaugen!
Je näher das Fest herankam, desto weniger ließ die Überanstrengung sie zum Denken kommen, und in ihrer Abspannung schmerzte es sie auch nicht so tief, daß die verschiedenen Glieder der Familie Tappoli ihren Dienst mißbilligten und sich von ihr zurückzogen. Wenn die Verwandten ihr die Möglichkeit nicht schufen, nach dem Ansehen ihres Namens zu leben, so sollte man sie doch selber ihr Brot verdienen lassen! Sie tat es ja in Ehren. Mit dem Onkel Tierarzt hatte sie auch keine Verbindung mehr. Die gedruckten Briefumschläge, von denen er gesprochen, hatte sie absichtlich vergessen, und vielleicht auch er. Selbst mit ihrem Bruder, dem blaubemützten, hübschen Studenten, lockerte sich das Verhältnis. Jedesmal, wenn er gekommen war, hatte er sie um Taschengeld gebeten, bis sie ihm die eigene Armut gestand. Nun sprach er kaum mehr bei ihr vor.
Jean Groß lud sie ein, in seiner Familie Christbotin zu sein, die den Gästen den lichtergeschmückten Baum übergebe. Am Festtag schwirrte und surrte ihr der Kopf noch vom stürmischen Dienst am Vorabend, aber nachdem sie am Morgen den Gottesdienst in irgendeiner der großen Kirchen besucht und sich am Nachmittag mit Hilfe des Brautschleiers ihrer Mutter ein Festkleid gerichtet hatte, machte sie sich, in ihren Kapuzenmantel eingeschlagen, durch den Winterabend auf den Weg nach dem Hause außerhalb der Stadt. Der Schnee lag hoch, weich und rein, und an den dunkeln Wassern der Limmat standen die alten, mächtigen Platanen wie verzaubert in Weiß. Die Glocken klangen feierlich durch den Abend, und die einherhuschenden Menschen blickten heiter und geheimnisvoll. Irgend etwas Schönes mußte wohl auch sie erleben, sie wußte nur nicht was. Sie schritt über einen Steg, hinauf zwischen alten, halbländlichen Gebäuden, Gärten, Rebbergen und erreichte das Haus des Kaufmanns.
»Ah, da ist ja unser Pfarrerstöchterlein!« begrüßte sie Jean Groß mit seiner unangenehmen Stimme, ließ sie lange in einem Warteraum sitzen und rief sie erst, als ihr die frohe Stimmung fast vergangen war, zu dem Lichterbaum in ein gut bürgerliches Gemach, in dem alte Möbel und steifleinene Ölporträts von fünfzig oder hundert Jahren her den überkommenen Wohlstand verkündeten. Was sollte sie? – Keine Kinder, denen sie die von ihr vorbereitete Ansprache hätte halten können; lauter jüngere und ältere Erwachsene, denen mehr die Gier nach Geschenken im Gesicht stand als eine feierliche Bewegung der Seelen, in der Mitte der dicke Kaufmann mit seiner kleinen, üppigen Frau – er mit schimmernden Edelsteinen auf der Hemdenbrust, sie mit vielen goldenen Ringen an der Hand. Irgendeine alte Tante stimmte im Nachbarzimmer am Klavier ein Weihnachtslied an, die Gesellschaft versuchte zu singen, fand aber nach der ersten Strophe schon die Worte nicht mehr, und das Lied drohte wie ein mißratener Kuchen auseinanderzugehen. Da erinnerte sich Nick, wie oft sie, wenn der Vorsänger heiser war, daheim den Kirchengesang gerettet hatte, erhob ihren hellen Alt, etwas voreilend gab sie den andern den Text in den Mund, und das Lied konnte zu Ende gesungen werden. Ermutigt wollte sie nun doch ihre Worte sprechen, aber der Hausherr unterbrach sie: »Das Nötige sage ich selber,« und begann fistelnd: »Dank meiner geschäftlichen Erfolge bin ich in der Lage, meiner Gattin und weitern Angehörigen auch dieses Jahr wieder eine schöne Weihnacht zu bereiten. Sie brauchen sich nicht mit Reimen und Gesang zu behelfen, sondern ich habe, wie die Geschenke beweisen werden, allen Beteiligten Sachen von Wert zu bieten.« Die Rede, die humoristisch sein sollte, wurde ein sterbenslangweiliges Selbstlob, verhaltene Ungeduld stieg auf die Gesichter. Und dann kam endlich die Bescherung.
Nick wußte kaum, was mit sich selber anfangen, sie erschien sich unsäglich töricht und überflüssig. Zuletzt wandte sich Jean Groß an sie: »Hier ist auch ein Geschenk für dich, Christkind und Pfarrerstöchterlein. Und hier der Lohn. Wenn du dich auf den nächsten Weihnachtsmarkt meldest, so stelle ich dich wieder als Gehilfin an. Sagen wir also auf Wiedersehen!«