Erst jetzt merkte sie, daß sie vom Feste entlassen war. Wozu hatte man sie gerufen? Und sie wäre den Abend so gern in Licht und Glanz fröhlich mit den Fröhlichen gewesen. Vielleicht aber hatte Groß an Lohn und Geschenk noch ein Besonderes für sie in das Päckchen gelegt, was er seinen Gästen nicht verraten wollte. Als sie wieder auf dem menschenleeren Wege unter den Platanen dahinschritt, nestelte sie das Röllchen, das ihren Lohn enthielt, im Schein einer Straßenlaterne auseinander. Es enthielt gerade so viel Einfrankenstücke, als sie Tage bei den Spielwaren beschäftigt gewesen, keines mehr, keines weniger, nichts dafür, daß sie beim Aufräumen oft bis Mitternacht an der Arbeit geblieben war. Den schönen Schleier der Mutter hatte sie umsonst zerschnitten. Aber das andere Päckchen? Es kam daraus eine Sammlung jener Wasserdirggel zum Vorschein, die mit ihren aufgedruckten Modellen von Männlein und Fräulein, Haustieren und Wild, Vögeln und Fischen anspruchslosen Kindern ein Bilderbuch ersetzen, aber kaum des Essens wert sind. »Der Geizhals, der elende!« entfuhr es ihr. »Ach Uli, Uli, wie war ich verblendet!« Da wurde sie von nahenden Schritten aufgeschreckt, lief zitternd vor Kälte in ihre Kammer, und vor dem Bild des Vaters begrub sie ihr Gesicht in beide Hände. »So mitleidslos also spielt die Welt! Und das ist Weihnachten, das Fest der Liebe!«
11
Nick hatte es bei der Witwe Gugolz gut getroffen. Ihre Vermieterin war eine herbe und wortkarge Frau in ordentlichen Verhältnissen, sie hatte das junge, alleinstehende Wesen nur bei sich aufgenommen, damit sie noch jemand neben sich in der Wohnung habe. Mit unaufdringlicher Mütterlichkeit sah sie zum Wohl des jungen Fräuleins. Das durch die Geräte und Bilder aus dem Elternhaus heimelig gewordene Zimmer unter dem Dach war luftig und hell und blickte auf einen alten, etwas vernachlässigten Garten, der wie ein Inselchen zwischen Häusern und Häuschen eingeklemmt lag. Da huschten die Amseln unermüdlich durch das verschneite Gesträuch, und die Spatzen pudelten sich auf den versilberten Ästen der Bäume.
Nick saß am Fenster und überlegte. Wie nun weiter das Brot verdienen? Gab es für sie nichts Besseres als die Krämerei? Ihr Sinn stand auf irgendeiner Beschäftigung, bei der sie ihre geistigen Werte hätte zur Geltung bringen können. Dabei überschlich sie aber eine Unsicherheit. Wohl war ihr der Vater ein anregender Lehrer gewesen, aber ihr Wissen war doch nicht derart, daß es sich in einen Verdienst hätte umprägen lassen. Sie konnte sich nicht verhehlen: es war zu wenig eigentlicher Schulsack dabei, man hatte es damit im frohsinnigen Pfarrhaus nie streng genommen, überhaupt vergessen, sie für den Kampf ums Brot auszurüsten. Wie angeflogen kam ihr ein sonderbarer Gedanke. Wenn sie einmal jene Frau Doktor Livia Hartmann besuchte, die geborene polnische Gräfin, deren Trauung die letzte Amtshandlung ihres Vaters gewesen war! Vielleicht wüßte ihr die vornehme Frau guten Rat. Doch nein, die stand ja hoch über den Kleinigkeiten des Lebens, und es war so bitter, die Notlage zu bekennen. Sie ging zu Herrn Groß, erbat sich ein Zeugnis, wandte sich damit an den Besitzer eines angesehenen Weißwarengeschäfts, der eine Verkäuferin suchte, und kam bei ihm unter.
Sie war wieder in ihrem hübschen Dachstübchen. Da stieg der Postbote mit schwerem Tritt die steilen, ausgelaufenen Treppen empor. Er brachte ihr ein verspätetes Weihnachtspaket von der Mutter. Darin lag als Geschenk Ferdinand Bürstelers ein Zwanzigfrankenstück. Die Gabe rührte sie. Das Geld überhob sie einer großen Sorge; es wäre ihr bitter gewesen, Frau Gugolz mit einem Teil der Monatsrechnung warten zu lassen, und ein Mädchen, das auf sich hält, hat doch stets noch besondere Ausgaben.
Mit der mütterlichen Sendung war ein Brief von John Wildholz eingetroffen; er schrieb ihr von Zeit zu Zeit über die Erlebnisse seiner Reise, nicht gerade ausführlich, aber teilnehmend um ihr Ergehen besorgt. Bei sich selber war sie ja sicher, daß er nur ihretwegen in die Ferne gegangen war, einer unausgesprochenen Liebe wegen, die nicht sein durfte. Was halfen ihr aber die Briefe des mit einer Andern Verlobten? Freudiger hätte sie von Ulrich Junghans ein paar Zeilen empfangen. Sie machte sich auf den Weg zu Marie. Sie mußte, bevor das Jahr zu Ende ging, noch etwas von ihm hören.
Die Freundin hatte wohl recht gesegnete Weihnacht hinter sich. Sie sprach nicht davon, aber Leuchten und Lachen stand in ihren Augen. Nick wagte deshalb die Bitte, daß sie ihr einmal einen Brief von Ulrich zeige. Marie schaute sie verwundert an, zögerte einen Augenblick und sagte: »Gut denn! Ich gebe dir alle, es steht nichts drin, was du nicht wissen dürftest. Sie mögen dir meine Unterhaltung ersetzen. Wir erwarten diesen Abend große Gesellschaft, da habe ich viel mit den Vorbereitungen zu tun.« Sie holte das Bündel Briefe. »Mögen sie dir helfen, daß du den Weg zurück zu ihm findest. Das ist mein Neujahrswunsch für dich!«
Monika verbrachte den Abend daheim über den Briefen, und je länger desto stärker war ihr, sie wandere mit Ulrich durch das altprächtige Nürnberg.